Mittwoch, 8. August 2007

Fußball und Demut


Wir mögen Helden. Wir lieben es, wenn David gegen Goliath antritt. Wir sind mit all unseren Sinnen dabei, wenn ein Kleiner einen Großen an den Rand der Niederlage bringt. Selbst das tragische Scheitern unserer Helden betört uns. Ausgenommen davon sind die Fans des FC Bayern München. Im Gegensatz zu den Fans von Borussia Mönchengladbach sind sie erfolgsverwöhnte kleine Schalträger, die nichts von den Tragödien der wirklichen Welt wissen. Demut kennen sie nicht – Gott sei Dank werden sie manchmal gedemütigt.

Am Montag, den 6. August 2007 ereignete sich einer jener Momente, in denen deutlich wird, dass Symbole über die Wahrnehmung der Wirklichkeit entscheiden. Schauplatz dieses Lehrstücks war das Stadion des SV Wacker Burghausen. Die Akteure: Der Spitzenclub der Ersten Deutschen Fußball Bundesliga, der FC Bayern München und der Regionalligist SV Wacker Burghausen.

Man muss sich nicht für Fußball interessieren, um dieser Geschichte etwas abzugewinnen. Um Fußball geht es nur am Rande. Der Fußball ist nur die Bühne, auf der hier Helden geboren oder vernichtet werden. Die sportlichen Rahmenbedingungen sind schnell erzählt.

Es ist die altbekannte Geschichte von David gegen Goliath. Das arme Wacker Burghausen spielte in der Vorrunde des Deutschen Fußball-Pokals gegen den reichen FC Bayern München. Die Bayern hatten in der Sommerpause viel investiert, um wieder in der europäischen Spitze mitspielen zu dürfen. Für 70 Millionen Euro haben sie neue Spieler gekauft. Darunter auch Luca Toni aus der italienischen Serie A – was an sich schon ein Tabubruch ist, wenn man den Ausgang des Halbfinales der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht vergessen hat. Aber das verstehen nur Fußball-Enthusiasten und es ist für diese Geschichte ohne Belang.

Von Belang ist: Nach 90 Minuten stand es in diesem ungleichen Duell 1:1. Nach der Verlängerung stand es immer noch 1:1. Wacker Burghausen hatte wahrhaft wacker dagegengehalten und in der regulären Spielzeit sogar die Führung erzielt. Herausragend spielte ihr 18jähriger Torhüter Manuel Riemann. Beim entscheidenden Elfmeterschießen stand es nach vier Elfmetern noch immer unentschieden. Manuel Riemann hatte bis zu diesem Zeitpunkt einen Elfmeter gehalten. Das allein hätte ihm schon Anerkennung gebracht, aber es hätte ihn nicht zum Helden dieses Spiels gemacht.


Link: sevenload.com

Das war die Situation vor den letzten beiden regulären Elfmetern: Der Fünfte für Burghausen stand noch aus. Und der Fünfte und entscheidende für Bayern München. Für alle überraschend legte sich der junge Burghausener Torwart Manuel Riemann den Ball zurecht – lief an und der Ball war im Netz (siehe das Amateurvideo von sevenload).

Dass am Ende Bayern München gewann, ist nicht weiter wichtig. Nur insofern spielt es eine Rolle, weil Helden in der griechischen Tragödie am Ende immer Scheitern. Wichtig ist, dass Manuel Riemann, mit seinem verwandelten Elfmeter zum – natürlich jugendlichen – Helden wurde. Wichtig daran ist, dass dieses Heldentum, die Demütigung des gegnerischen Torwart bedingt: 18jährige Endorphine gewannen gegen 38jährige Arroganz. Und wichtig ist, dass der FC Bayern München zwar gewann, aber nur knapp der Katastrophe entkam. Auch das ist eine Demütigung.

Ablauf und Ende dieses Spiels folgten dem Muster einer antiken Tragödie. Dieses Muster beruht auf einem “geschickt angelegtes Wechselspiel der Ereignisse zwischen der Sympathie mit dem Helden, dem Erschrecken vor dem näher rückenden, unabänderlichen Ende und der immer wieder angeregten Hoffnung auf einen günstigeren Ausgang”. “Das Scheitern des tragischen Helden ist dabei unausweichlich.” Die Ursache liegt “in der Konstellation und dem Charakter der Figur. Der Keim der Tragödie ist, dass der Mensch über das ihm zugeteilte Schicksal hinausgehen will.”

Ein aus der Antike überliefertes Muster beweist auch heute noch seine Medientauglichkeit. Die Stücke werden nicht mehr im Theater aufgeführt und begründen den Ruhm der Stückeschreiber. Die Stücke werden in Fußballstadien zelebriert und die Autoren sind die Akteure auf dem Spielfeld. Der Held dieses Spiels ist 18 Jahre alt, heißt Manuel Riemann, spielt bei Wacker Burghausen und hat das Stück mit seinen Mannschaftskameraden selbst geschrieben und inszeniert. Respekt.

Respekt verdient auch der Mut des Trainers des SV Wacker Burghausen seinen Torwart den entscheidenden Elfmeter schießen zu lassen. Die Symbolkraft dieser Situation, hat die Wahrnehmung in den Medien stark beeinflußt – Symbole prägen die Wahrnehmung.

An dieser Stelle sei erwähnt: Auch Demütigungen und die Situationen, die sie herbeiführen, wären ein Gegenstand der nicht existierenden Demutsforschung.


Dieser Artikel ist ein Update zu Zum Stand der Demutsforschung in Deutschland

Quellen: Die Zitate stammen aus Wikipedia


Das Wappen von Wacker Burghausen stammt aus Wikipedia. Lizenzbedingungen

Kommentare:

Rodscha hat gesagt…

Ja, der Pokal bringt so manchen Helden hervor. Sie haben aber meist das gleiche Schicksal. Nach kurzer Zeit verschwinden sie sang- und klanglos in der Versenkung. Ich fürchte, dem Kollegen Riemann wird es nicht anders ergehen. Wenigstens kann er sich dann aber auf die Fahnen schreiben, in einem grandiosen Spiel den Kotzbrocken Oliver Kahn gedemütigt zu haben. Und das ist ja schon was...

Uli hat gesagt…

Lieber Reinhard,
als neuer Leser des "Fliegenden Teppich" hat mich der Artikel über die tragisch-heroischen Momente im Fußball, wie sie landläufigerweise eher in den Begegnungen der Kleinen gegen die Großen geschehen, intellektuell wie auch emotional sehr berührt. Dies insofern als ich lange mit unserem Zweitligisten KSC bangen und hoffen musste auf eine bessere Welt. So sehr ich mich jetzt auf die Erstklassigkeit freue, so sehr ist mir klar, dass mir diese Momente nun mehr und mehr verloren gehen werden, gehören wir ab nächster Woche doch schon zu den Großen - Nürnberg wird dies bitter erfahren müssen - und da ist es nichts mehr mit den heroisch-solidarischen Gefühlen aus der underdog-perspective, mit dem Zittern bis zur letzten Minute, mit dem Hoffen und Bangen bis zum Schlusspfiff und der unbschreiblichen Freude, wenn man den großen Favoriten mit seiner teuer zusammengekauften Mannschaft mit dem eigenen Kreisklassen-bzw.Verbandsligafundus doch noch unerwartet in die Schranken gewiesen hat. Nur ein echter Fan, und da hat euer Artikel völlig Recht, kann erahnen, was solche Momente bedeuten!... So ganz habe ich mich noch nicht entschieden, worüber ich mich nun freuen bzw. wovon ich mich verabschieden soll, wenn ich und der KSC nun die Seiten wechseln. Emotional steht es bei mir momentan quasi unentschieden. Mitleid mit den Kleinen? Freude über Favoritenstürze, wo wir doch selbst nun zu den Favoriten gehören? Ich weiß es nicht, spüre einen Gefühlsdissenz, den ich bisher nicht kannte. Vielleicht können mir ja die fußballerfahrenen Leser des "fliegenden Teppich" aus dieser emotionalen Zerissenheit helfen (obwohl Mannheim ja nun schon seit geraumer Zeit nicht zu den Großen zählt...). Ich bin gespannt, welche Lösungswege die Leserschaft des "Fliegenden Teppich" in dieser Frage bereit hält und freue mich auf die nächste Ausgabe eines Journals, das meiner Meinung nach Herz und Hirn gleichermaßen fordert und fördert...

Beste Grüße aus dem Karlsruher Wildpark

Uli