Donnerstag, 16. August 2007

Ross und Reiter – Endemol


Es geht nicht um die Springreiter Europameisterschaft in Mannheim, wie die Überschrift vielleicht nahelegt. Es geht um Endemol N.V., MTV und um Zocker in teuren Anzügen. Es geht um die schwierige Frage, ob das, was nicht verboten ist, damit gleichzeitig erlaubt ist. Und es geht um diejenigen, die in der Grauzone einer ungeregelten Rechtssituation mit zweifelhaften Methoden Millionen verdienen.

Der Medienjornalist Stefan Niggemeier zeichnet verantwortlich für einen Blog, der in diesem Jahr mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde. Die Begründung der Jury kann man nachlesen. Stefan Niggemeier tut das, wofür er ausgezeichnet wurde: Kritisch über die Welt der Medien berichten. Stefan Niggemeier wurde jetzt von der Firma callactive abgemahnt, weil ein Kommentar zu den Geschäftspraktiken der Firma callactive in seinem Blog erschienen ist, den er nicht sofort, sondern erst einige Stunden später gelöscht hat. Sollte diese Abmahnung gerichtlich bestätigt werden, wäre dies mit einer starken Einschränkung der Meinungsfreiheit verbunden und es wäre das Ende der Blogosphäre, wie wir sie kennen und lieben. Soweit in Kurzfassung für Nichtjuristen.

Natürlich wird dies in vielen Blogs diskutiert und kommentiert. Aber die Argumentation dort greift meist zu kurz. callactive ist ein Unternehmen der Endemol Corporate Communications. Die Abbildung ist ein Screenshot der Website der Endemol N.V. mit Sitz in Hilversum und zeigt das Management Board – lauter Dunkelmänner? callactive, die Tochter von Endemol, ist nach eigenen Angaben auf “den Bereich Transaktionsfernsehen spezialisiert.” Eines der Formate heiß Money Express und es geht um Geldpakete und schwachsinnige Rätsel die erstaunlicherweise kaum jemand errät. Selber kucken macht schlau: Das satirisch-kritische TV Magazin Fernsehkritik hat sich das angeschaut. Seltsam erscheint dem TV Magazin Fernsehkritik, dass die Stimmen mancher Anrufer sich ähneln. Ist das ein Hinweis auf Fake-Anrufe?

callactive hat sich vorgenommen ein dickes Brett zu bohren. Juristisch geht das Unternehmen gegen alle vor, die sich kritisch zu den Sendungen äußern. Nebenbei erwähnt: Das Forum von Marc Doehler mit dem Namen Call-in-TV wurde bereits abgemahnt, da die Animateurinnen der Zockerprogramme auf Verletztung ihrer Persönlichkeitsrechte geklagt hatten, weil sie als Animösen bezeichnet wurden. In Zukunft sollte man sie also lieber als "Anschafferinnen" bezeichnen, da das ihren ausgeübten Beruf genauer kennzeichnet. Aber das ist nur ein Vorschlag und bedarf noch der juristischen Prüfung.

Aber wir wollten ja Ross und Reiter nennen und das sind – im übertragenen Sinne – nicht die kleinen Luder, die in Daddies-Hobby-Bar am Tresen sitzen und den Kunden das Geld aus der Tasche ziehen. Es sind die Betreiber des Etablisments.

Zu nennen ist da zunächst der verantwortlicher Geschäftsführer der Callactive GmbH Stephan Mayerbacher. Ohne ihn wird nicht abgemahnt. Im Vergleich zu Endemol ist Stephan Mayerbacher allerdings nur ein kleines Licht. Der Deutschland-Chef von Endemol heißt Borris Brandt. Da sind wir schon eine Stufe höher. Der ist wiederum ein kleines Licht im Vergleich zum "global leader in television", wie sich Endemol auf seiner internationalen Website präsentiert. Der Chef des Ganzen heißt Aat Schouwenaar. Da werden sich schon manche Details finden lassen, die – im übertragenen Sinne – nicht die armen Luder am Tresen für das Zockertum im Deutschen Fernsehen verantwortlich machen, sondern den Dunkelmännern dahinter Feuer geben. Natürlich profitieren von der Zockerei auch Sender wie MTV Networks Germany GmbH mit den Geschäftsführern Catherine Mühlemann und Martin Michel, die diese Gewinnspiele auf ihren Sendern laufen lassen.

Übrigens: Eines der erfolgreichsten Formate von Endemol im deutschen Fernsehen ist ”Wer wird Millionär”. Günther Jauch, der Saubermann des deutschen Fernsehjournalismus – seine Absage, die Nachfolge von Sabine Christiansen zu übernehmen, ist noch gut in Erinnerung – arbeitet für ein Format, für das ein Unternehmen kassiert (Endemol), dessen Tochter callactive in zweifelhaftem Fahrwasser agiert – wirklich pikant! Herr Jauch, wie wäre es mit einem Interview zu diesem Thema?

Wie gesagt: Was nicht verboten ist, ist noch lange nicht erlaubt. Die Auseinandersetzung mit Endemol und callactive hat eine juristische, aber auch eine Komponente, die aus öffentlichem Druck besteht. An beiden Auseinandersetzungen beteilige ich mich gern. Aat Schouwenaar, sie können kommen!


Quellen: Stefan Niggmeier erklärt, wie es sich mit Call-in-TV und Medienaufsicht verhält: Callactive siegt über Meinungsfreiheit. Alle Einträge zum Thema Callactive in Stefan Niggemeiers Blog findet man hier.

Das Forum vom Marc Doehler: Call-In-TV-de



Die Abbildung ist ein Screenshot der Website der Endemol N.V. mit Sitz in Hilversum und erreicht nicht die Geataltungshöhe, die für ein Copyright notwendig wäre.

Kommentare:

Jörg hat gesagt…

Hui, das sind aber ganz schön harte Geschütze, die du heute auffährst. Mal ganz abgesehen davon, wie fair, intelligent oder rechtlich legal die Spielchen in Call-in-Sendungen sind: Günther Jauch dafür anzugreifen, eine Sendung zu moderieren, die aus der gleichen Feder stammt, halte ich nun für doch ein bisschen übertrieben.

Grundsätzlich sollte man natürlich alle seine Handlungen ethisch prüfen und mit seinem Gewissen vereinbaren können. Allerdings hat das meiner Meinung nach auch Grenzen. So müsste ich mich theoretisch ja fragen, ob ich meinen Job guten Gewissens erledigen kann, wenn meine Haupttätigkeit darin besteht, Texte für ein deutsches Softwarehaus zu verfassen, das im Verdacht steht, Informationen eines anderen Unternehmens gestohlen zu haben.

Genauso gut müsstest du dich fragen, ob man es verantworten kann, einen Blog zu betreiben, der von Google gehostet wird. Schließlich wissen wir alle, dass die "Datenkrake" nur nur unser Bestes will - unser Geld. Trotz des Wahlspruchs "Don't be evil".

Jauch macht in seiner Sendung ja keineswegs Werbung für Callactive oder Endemol. RTL hat lediglich die Rechte für das Format lizensiert. Die Idee der Call-in-Shows ist zudem grundsätzlich nicht böse oder unfair. Nur die Umsetzung ist 99,9 Prozent der Fälle eben dubios.

Wenn man also einem Moderator fehlende Verantwortung vorwerfen kann, dann den - meiner Meinung nach - völlig unterbelichteten Krakeel-Tanten und dauergrinsenden Verlierertypen in den Shows selbst.

Würde niemand mehr sein Gesicht für Geld in die Kamera halten und hoffnungsvollen (aber minderbemittelten) Zuschauern die Rätsel anpreisen würde, hätte sich das Format schnell erledigt. Aber jeder hat eben seinen Preis.

Reinhard hat gesagt…

Hallo Jörg,
du hast schon recht. Moralische Entrüstung führt oft zu überzogenen Reaktionen. Übrigens: Auch ein Gegenstand der Demutsforschung.

Andererseits. Ich greife Günther Jauch nicht an. Auf meinem Weg von Callactive zu Endemol endet hier nur die Kette der Akteure. Ich stelle auch nicht die Behauptung auf, dass Günther Jauch mit den Praktiken der Call-in-TV-Formate etwas zu tun hat. Wirklich interessieren würde mich aber, was er in einem Interview dazu sagen würde.

Was außerdem interessant ist: Über Aat Schouwenaar findet man so gut wie keine Informationen. Da herrscht fast undurchdringliche Dunkelheit. Einerseits beeinflußt Endemol stark die Medienwirklichkeit - und darüber auch die Wirklichkeit. Andererseits haben die Macher kein Gesicht. Ein gutes Thema für investigativen Journalismus.