Montag, 6. August 2007

Eine Schnitte und ein Buchstabe


Es gibt sie noch. Seit 74 Jahren steht sie in den Regalen der Lebensmittelläden. Ihre Verpackung wurde, seit mindestens zwanzig Jahren, kaum verändert. In den Vereingten Staaten von Amerika ist sie der Renner. Man ißt sie dort auf gebuttertem Brot, gebacken oder gegrillt, bis sie mit der Butter verschmilzt. Gäbe es sie nicht mehr im Laden, man könnte sie, zum doppelten Preis, bei Manufaktum bestellen.

Es geht um die Eszet Schnitte. Ein tapferer kleiner Brotbelag aus dem Vor-Nutella-Zeitalter. Kein Scheinnougatderivat mit der Konsistenz von Gips, sondern massive, ehrliche Schokolade, in Form von dünnen Täfelchen. Wie gemacht für ein Brötchen mit Butter.

In meiner Kindheit gab es nur ganz ausnahmsweise mal ein Brötchen mit dick Butter und Eszet-Schnitte. Ich hätte das gerne öfter gehabt. Als süßen Brotaufstrich. Stattdessen gab es dick Butter und eine der selbsteingekochten Marmeladen der zahlreichen Schwestern meiner Mutter. Gerne Brombeer, auch mal Himbeer oder Erdbeer und meist Mirabelle oder Pfirsich. Die Schwestern meiner Mutter lebten alle in einem Weinanbaugebiet und dort ist der Pfirsich, aber auch die Mirabelle, in Gärten leicht zu haben. Wahrscheinlich stehen noch immer einige ungeöffnete Gläser Mirabellenmarmelade im Keller meiner Mutter.

Beliebt war bei uns zu Hause auch die Zuckerschmer. Schmer steht für Fett und Schmalz. Hier steht es für dick Butter auf Brot mit Zucker. Wichtig war meiner Mutter die gute Butter. Es gab sie nur mit dem Attribut "gut". Margarine hatte bei uns keine Chance. Bei dem, was auf die gute Butter kam, wurde allerdings gespart. Deshalb hatte ich nur selten eine Chance auf Eszet Schnitten. Es gab ja die selbsteingekochte Marmelade oder Zucker.

Das sich bald etablierende Nutella-Zeitalter ging komplett an mir vorüber. Ich hatte meine Nahrungsgewohnheiten schon auf salzig umgestellt, als Ferrero anfing den Markt der selbsteingekochten Marmeladen und Zuckerschmeren aufzurollen. Meiner Mutter bin ich bis heute dankbar, dass sie mich vor der verlogenen Welt einer Claudia Bertani (Kirschenverkosterin bei Ferrero) und vor dem tristen Snobismus von Raffaello gerettet hat. Trotzdem: Die eine oder andere Eszet Schnitte mehr hätte es schon sein können.

Nach allem, was man über Marketing und Werbung zu wissen glaubt: Es ist ein Wunder, dass die Eszet Schnitte bis heute überlebt hat. Diese Robustheit ist vielleicht dem geschuldet, was eine Marke im Kern ausmachen sollte: Qualität.

Für besondere Qualitäten steht auch ein kleiner Buchstabe. Als Großen gibt es ihn nicht. Es ist das Eszett. Das Eszett ist weder verwandt noch verschwägert mit der Eszet Schnitte. Die Eszet Schnitte hat ihren Namen von dem Unternehmen, das sie erfunden hat: Die Anfangsbuchstaben von Staengel & Ziller. Das Eszett hat auch Erfinder, aber deren Namen sind unbekannt.

In früheren Zeiten wurden Buchstaben noch geschnitten – auch eine kleine Gemeinsamkeit mit der schokoladigen Schnitte – und dann in Blei gegossen. Buchstaben waren Schwergewichte, wie Schokolade. Heute sind sie eine kleine Datei, die eine mathematische Beschreibung aller Buchstaben eines Alphabets enthält. Die Datei wiegt nichts. Man könnte sie essen ohne zuzunehmen. Buchstaben kann man im Internet bestellen und man bekommt sie auch übers Internet geliefert. Kein Postbote muß sich mehr mit Buchstaben abschleppen – es sei denn sie sind auf Papier gedruckt.

Das deutsche Alphabet war früher ein wenig schwerer als das Alphabet der Schweizer. Heute - als digitalisierte Schrift - wiegen beide Alphabete nichts mehr. Die deutsche Schriftsprache hat trotzdem noch etwas ganz spezielles. Es unterscheidet sie von allen anderen Schriftsytemen auf dieser Welt: das Eszett. Unser kleines Eszett ist das Kriterium, das den Unterschied macht. Im Vergleich zur Schweiz, ist des Eszett dafür verantwortlich, dass wir wenigstens einmal nachweisbar reicher sind, als die Schweizer. Die Schweizer können nicht unterscheiden zwischen den Bussen und der Buße. Die Busse fahren bei uns auf Straßen, in der Schweiz tut man Busse auf Strassen. In der Schweiz macht es oft die Masse, aber welche Maße da zugrundegelegt werden, ist unklar. In der Schweiz sind es die Masse.

Zugegeben – die Entscheidung, wann ein Eszett steht, wann ein Doppel-S und wann ein einfaches "s" ist manchmal schwierig und nicht immer logisch. Die Unlogik ändert sich auch mit der Rechtschreibreform nicht. In einem Aufsatz zum Eszett schreibt Dieter E. Zimmer “Wir reformieren doch nicht die Inkonsequenz weg.” Dieter E. Zimmer mag das Eszett nicht und er findet es hässlich. Vor der Rechtschreibreform hätte er es häßlich finden müßen.

Ich hingegen finde das Eszett ausgesprochen hübsch. Für sich genommen mag es – wie ich finde – schon eine Schönheit sein. Ein Zeichen, das aus zwei Zeichen entstanden ist – also, wie man in der Sprache der Typographen sagt, eine Ligatur. Ein Zeichen, das beim Nachdenken über die korrekte Schreibweise etwas Mühe macht, aber beim Schreiben selbst Mühe erspart: Buy One Get Two. Darüber hinaus ein Zeichen, mit dem Status eines Buchstabens, das selbst kein Buchstabe ist, sondern ein Dehnungszeichen für den Laut davor. Das Eszett ist also in jeder Hinsicht etwas ganz besonderes.

Seine ganze Schönheit entfaltet sich aber erst im Zusammenspiel mit anderen Buchstaben. Das Eszett und das “f” sind die einzigen Kleinbuchstaben, die in der handschriftlichen Ausführung von Schrift (mittlerweile relativ unüblich), in der Kalligraphie und im kursiven Schriftschnitt die größtmögliche vertikale Ausdehnung einer Schrift ausnutzten. Die kleinen Buchstaben "f" und "ß" haben eine Oberlänge und eine Unterlänge. Damit schwingen Sie in der größten Amplitude, die das typografische Liniensystem einem Buchstaben zugestehen kann. Nur das große “J” und das große “Q” können da noch mithalten.

Mit diesem Ausschlag von ganz unten, nach ganz oben, setzt das Eszett Akzente und erzeugt Aufmerksamkeit und Rhythmik im langen eintönigen Fluß der Buchstaben. Es erzeugt, wie die Synkope im Art-Rock, oder die Clave in der lateinamerikanischen und afrikanischen Musik, eine komplexe Rhythmik.

Das Eszett ist nicht nur ein Zeichen, das man nach logischen Gesichspunkten gut oder schlecht finden kann. Darüberhinaus hat es eine ästhetische Qualität, ist Ausdruck unserer regionalen Schriftgeschichte und es sorgt dafür, dass handschriftliche und kursiv gedruckte Texte eine dynamische Qualität bekommen, die in anderen lateinischen Schriftsystemen in dieser Form nicht vorkommen. Wie die Eszet Schnitte ist das Eszett der pure Luxus, und außerdem kurios und einzigartig.

Am Ende gibt es zwei gute Nachrichten: Die Eszet Schnitte hat sich behauptet, indem sie sich treu geblieben ist. Vielleicht haben die karriereorientierten Produktmanger sie auch in den ganzen Jahre nicht beachtet. Heute könnte sie das Potenzial zu einer Kultmarke haben. Mein Appell: Mütter und Väter in Mutterschaft, kauft euren Kindern Eszet-Schnitten.

Der Buchstabe Eszett wird auch die Rechtschreibreform überstehen und – wie im April diesen Jahres in Focus und TypoWiki berichtet wurde: Ein Großbuchstabe des Eszett (das Versal-Eszett) ist in Arbeit. Damit verschwinden einige Kuriositäten aus unserem STRAßENBILD und unseren Drucksachen. Auch das kann man bedauern.

Weitere Quellen:
- Die Eszett-Seite
- Terradigitalis.net über die Eszet Schnitte



Das Foto stammt vom Autor des Beitrags und steht unter Creative Commons Licence

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ramsch (auch Nippes genannt) wird seit dem 18. Jahrhundert im Deutschen in der Bedeutung "bunt zusammengewürfelte Ausschussware, Schleuderware, wertloses Zeug" verwendet. Das Wort gilt als umgangssprachlich, es stammt wahrscheinlich von mhd. râm "Schmutz, Abfall".

Reinhard hat gesagt…

Was immer der Kommentierende meint: Es ist sehr aufschlußreich etwas über die Herkunft des Wortes "Ramsch" zu erfahren.

Rodscha hat gesagt…

... und das sollte man auch noch zum Thema Eszett wissen:

Die Ursprünge des Buchstabens bzw. der Ligatur ß (Eszett) sind noch nicht vollständig geklärt. Das deutsche ß hat sich in den gebrochenen Schriften des Spätmittelalters vermutlich als Ligatur aus langem ſ und z entwickelt. In den frühneuzeitlichen Antiqua- und Kursivschriften hat es sich hingegen als Ligatur aus langem ſ und rundem s entwickelt. Diese Variante des Doppel-s geriet in den genannten Schriften im 18. Jahrhundert gleichzeitig mit dem langen ſ außer Gebrauch. Die Abschaffung der Frakturschrift durch die Nationalsozialisten 1941 führte zur Wiederbelebung des ß in der Antiquaschrift. Die Typographen bedienten sich dabei sowohl der Kombination ſ+s als auch ſ+z. Während die seit 1996 in deutschsprachigen Schulen gelehrte und von zahlreichen Verlagen adaptierte reformierte deutsche Orthographie das ß auf die Verwendung nach langen Vokalen und Diphthongen beschränkt und damit nur den ß-Buchstaben anerkennt, benutzen traditionell Schreibende und Verlage wie Diogenes weiterhin auch die ß-Ligatur nach Adelung. Beide Varianten werden aus linguistischer Sicht meist als gleichwertig betrachtet, während über die typographische Ebenbürtigkeit nach wie vor Uneinigkeit herrscht. Der „Erfinder“ der reformierten ß/ss-Schreibung jedenfalls, Johann Christian August Heyse, hatte, nachdem heftige Kritik an seiner Schreibvariante geäußert worden war, 1826 vorgeschlagen, „ein neues Zeichen zu creiren [und] ein ſ zu verbinden mit einem s“. Diese neue Ligatur entsprach damit prinzipiell dem im 20. Jahrhundert aus ſ und s neugeschaffenen ß für die Antiqua.
(Quelle Wikipedia.de)

Reinhard hat gesagt…

Ergänzt sei noch: Die Schweizer haben das Eszett niemals offiziel abgeschafft. Sie benutzen es nur nicht mehr. Wieder einmal ein Beleg dafür, dass die Schweizer immer was besonderes sein wollen und sich ständig aufbauschen müssen.