Donnerstag, 27. Dezember 2007

Wie schmeckt es denn so, in Chile?


Sabine fragte mich das neulich am Telefon. Eine ehrliche Antwort auf diese Frage, könnte mich leicht in Teufels Küche bringen. Eine politisch korrekte Antwort wäre natürlich gelogen. Am Besten ich antworte ausweichend in der Hoffnung, dass die Wahrheit sich schon zwischen den Zeilen finden wird.

Die chilenische Mutter meiner chilenischen Freundin Karina kocht super. Das muss hier mal uneingeschränkt gesagt werden. Am Tag meiner Ankunft haben wir Artischocken gelutscht und Abends gab es ein Rinderfilet der Extraklasse, dem auch die Roquefortsauce nichts anhaben konnte. Wir waren uns alle einig: Die Roquefortsauce war unvergleichlich mild und das Rinderfilet unvergleichlich zart. Das hatten wir schon vorab so zwischen Köchin und Gast geklärt. Auch Humitas, eine in Maisblättern erhitzte Maispaste, sind oft sehr schmackhaft. Nun sollte man vom Speziellen aber nicht vorschnell auf das Allgemeine schließen.

Mir kommt es beispielsweise ganz seltsam vor, und am Liebsten würde ich darüber schweigen, dass es in Zentralchile mitunter nach Katzenpisse riecht. Am nördlichen und südlichen Ende des Landes riecht Chile ausgesprochen gut. Punta Arenas im Süden riecht sehr frisch und ein wenig salzig. San Pedro de Atacama im Norden hingegen riecht sehr trocken und ein bißchen staubig. Aber beispielsweise in der Gegend um Pucon riecht es wirklich sehr streng. Auch um Valparaiso herum möchte man am liebsten die Fenster schließen. Anscheinend gibt es in Chile Problemzonen, die etwas besser deodoriert werden sollten. Vermutlich handelt es sich um einen olfaktorischen Faktor, der mit der Vegetation in einem gewissen Zusammenhang steht. In Schwetzingen beispielsweise riecht es hinter dem Schloßgarten im Frühling und Sommer immer nach Knoblauch. In bestimmten Regionen Frankreichs riecht es ausgesprochen intensiv nach Wildschwein und in Mannheim riecht es manchmal widerlich nach Schokolade. Eine Freundin, mit der einmal ein Urlaub auf einer Insel mißlang, kritisierte schon am ersten Tag: "Diese Insel riecht nicht!" Kreta hingegen rieche ganz unvergleichlich, fügte sie hinzu. Wir hätten eigentlich sofort abreisen können.

Wenn ich jetzt schreibe, Chile rieche manchmal nach Katzenpisse, so handelt es sich dabei in gar keinem Falle um eine Tatsachenbehauptung. Es ist nur ein ganz subjektiven Eindruck, der zudem noch hilfsweise einen Vergleich heranziehen muss, bei dem man darüber streiten kann, ob damit ein Werturteil verbunden wird - und wenn, ob es ein positives oder ein negatives ist? Katzenpisse könnte ja durchaus von einigen Katzenliebhabern als wohlriechend geschätzt werden. Ähnlich wäre es ja auch, wenn man schriebe, was die Chilenen im Vergleich mit den Argentiniern nicht an Körpergröße aufbrächten, kompensierten sie locker an Fülle und Breite. Auch das stimmt natürlich nicht immer, sondern nur manchmal.

Damit ist aber die Frage von Sabine, ob es denn schmecke, in Chile, noch nicht beantwortet. Auf direktem Weg wäre es auch schwierig eine Antwort zu geben, mit der auch die Chilenen einverstanden wären. Den Chilenen schmeckt es hier offensichtlich nicht so schlecht, dass sie auswandern würden. Auch der Geruch nach Katzenpisse scheint sie nicht sonderlich zu stören. Ich kann Sabines Frage am unverfänglichsten mit einer kleinen Geschichte beantworten, die ich am Strand von La Serena beobachtet habe.

Dort war man gerade dabei sich für die sommerliche Hochsaison vorzubereiten. Ich trank ein Bier in einer kleinen Strandbar und kaute dazu einige Erdnüsse, die man hierzulande immer zu einem Getränk gereicht bekommt. Beim Kauen und Trinken beobachtete ich zwei Chilenen. Der eine baute ein Wasserklosett zusammen, während der andere Türen strich. Derjenige, der die Türen strich, tat dies mit großem Engagement. Allerdings hatte er diese nicht aus den Angeln gehoben und sauber aufgestellt, sondern sie schwangen weiter am Orte ihres eigentlichen Daseinszweckes. Auch die Schlösser und die Türklinken waren nicht abmontiert, sondern wurden aus Gründen der Einfachheit einfach überstrichen. Obwohl während der Zeit, in der ich das Streichen der Türen beobachtete, mehrere Anstriche übereinander aufgebracht wurden, erfolgte der Farbauftrag sehr lasierend. Offensichtlich handelte es sich bei der verwendeten Farbe um Wandfarbe, die sich sehr gut mit der Rolle, die der Streicher benutzte, verarbeiten ließ. Der Farbauftrag reichte aber nicht aus um die dunklen Schrammen gänzlich zu überdecken. Alles wurde Schicht um Schicht etwas aufgehellt, bis der Schreicher am Ende mit seinem Werk zufrieden war.

So ist es auch mit der chilenischen Küche. Man könnte die Gerichte durchaus etwas schmackhafter, raffinierter, durchdachter und genießbarer hinbekommen. Meist ist man aber der Meinung, dass dies die ganze Mühe nicht lohne. Vom Ansatz her verfolgt man die beste Absicht, am Ende aber fehlen die entscheidenden letzten Prozentpunkte damit es auch wirklich schmeckt. Selbst in guten Hotels bekommt man in Chile Nescafe mit heißem Wasser serviert: Passt schon! Oder?

Das Photo stammt aus der spanischsprachigen Ausgabe von Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.

Montag, 10. Dezember 2007

Von Tsunamis und Mietwagen


Gestern schrieb ich aus La Serena im Norden von Chile an Markus B. aus F., dass der Pazifik viel zu kalt sei, dass ich einen ganz schlechten Tag gehabt hätte, weil mir ein Chilene eine Beule in den Mietwagen gefahren habe und ich jetzt drei Tage hier festsitzen würde, bis die gerichtliche Anhörung zu dieser Angelegenheit stattgefunden habe. Aus Verlegenheit würde ich Humboldtpinguine betrachten fahren. Die Antwort von Markus B. aus F. war: "time for improvement ;-) ist auch eine life time experience".

Das veranlaßte mich zu einer Antwort, die ich hier abdrucken - oder heißt es besser "ablichten" - möchte. Das erlöst mich auch aus der Verlegenheit, endlich mal wieder ein neues Posting in meinem Blog lancieren zu müssen. Unfälle mit Mietwagen im befreundeten, aber erst recht im sonstigen Ausland sind eine ganz lästige Angelegenheit, die man so gut es geht vermeiden sollte. Hier also meine Antwort an Markus B. aus F.:

Hahahah, könnte mich ausschütten, vor improvement. Nachdem ich jetzt also hier für einige Tage festsitze, hatte ich gleich einen zusätzlichen Grund für schlechte Laune. Was mir echt auf den Geist geht, ist die Lieb- und Achtlosigkeit mit der in Hotels das Frühstück hingerichtet wird. Das Rührei zieht Wasser und natürlich ist es kalt. Der Orangensaft ist ein reines Kunstprodukt, das vollkommen aus Farbstoff besteht. Dazu gibt es einen Pressvorder-, wahlweise auch -hinterschinken der offensichtlich weltweit strengste Normen erfüllen muss, da er überall die gleiche Konsistenz und den gleichen Geschmack aufweist. Den Schnittkäse dürfte es so geschmacksneutral gar nicht geben, denn das Etwas nach rein gar nichts schmeckt, ist ein Widerspruch in sich. Die chilenische Variante dieses Frühstücksattentats läßt sich mit der Frage "Hätten sie dazu gerne Nescafe ohne Milch oder Nescafe mit Milch?" beschreiben. Neu war hier in La Serena immerhin, dass der Koch, der das Buffet auffüllt, einen Mundschutz trug. Wahrscheinlich wollte er sich nicht mit seinen eigenen Produkten kontaminieren.

Das Arrangement des Frühstücksbuffets ist überall gleich trist und traurig. Ganz gleich, ob im Hotel Canal Beagle in Ushuaia - ein Haus, das von Automobilclub Argentiniens betrieben und wird - im Hotel Tropical Tambau in Joao Pessoa oder eben hier in La Serena. Wo möglich läßt man diese Frühstücksveranstaltungen in einem fensterlosen Raum stattfinden, in dem es scharf nach Möbelpolitur riecht.

Dieses Frühstück hatte mir also den Start in den Tag so versaut, dass ich gleich wieder einschlafen wollte. Übrigens habe ich dieses Hotel nicht deshalb ausgewählt, weil mir die koloniale Architektur und der Name - Francisco de Aguirre - gefallen hätten, sondern weil es etwas erhöht liegt. Gestern, noch vor meinem Unfall - die Beule im Mietwagen, man erinnere sich - fuhr ich am Strand entlang, der sich unterhalb der Stadt erstreckt und dort wären Cabañas zu günstigen Preisen zu mieten gewesen. Was mir aber an allen Ecken auffiel, waren die Evakuierungshinweise im Falle eines Tsunamis. Alle Schilder wiesen nach Osten, also in Richtung des Hotels, in dem ich mich jetzt befinde. Da Tsunamis, vor allem auch dann, wenn sie Nachts vorfallen, sich nicht mit viel zeitlichem Vorlauf ankündigen, folgte ich meiner dunklen Ahnung und begab mich gleich auf erhöhtes Terrain. Die Folge, dieser Sicherheitsmaßnahme: Ein Chilenen fuhr mir gleich darauf eine Beule in den Mietwagen und heute Morgen fiel ich einem internationalen Standardhotelfrühstück - mindestens drei Sterne - in speziell chilenischer Ausprägung zum Opfer.

Ein wenig depressiv - ich sagte es bereits - genehmigte ich mir also ein Schläfchen, gleich nach dem Frühstücksattentat. Ich erwachte, weil das Zimmer mich wachrüttelte. Es wackelte alles, auch das was sich im Zimmer befand: Das Bett, die Sachen auf dem Nachttisch - was ein wenig Lärm machte - und natürlich wackelte auch ich. Wegen des Lärms kam ich nicht umhin, mir einzugestehen, dass ich mich mitten in einem kleinen Erdbeben befand. Vielleicht befand ich mich aber auch am Rande eines größeren Erdbebens - man weiß das nicht eindeutig zu sagen, wenn man wie ich gewöhlich ganz ohne Seismograph reist. Das, was mir da den Tagschlaf raubte, war nur ein "templor", wie man als erdbebenerprobter Chilene dazu sagen würde - ein "zittern" eben. Das reichte, um mich zum Aufzustehen zu veranlassen.

Hätte ich am Strand geschlafen, wäre das Frühstück unter Umständen besser gewesen. Aber vielleicht hätte es dieses Zittern dann zu einem richtigen Tsunami geschafft. Seit mir der Chilene die Beule in den Mietwagen gefahren hat, bin ich ein wenig abergläubisch.

Zu den Humboldtpinguinen habe ich es - so wie ich es eigentlich vorhatte - an diesem Tag nicht mehr geschafft. Im South-American-Handbook der Ausgabe von 2008 steht, die Pinguinkolonie von Punta de Choros befinde sich 72 Kilometer nördlich von La Serena. In Wirklichkeit befindet sie sich rund 112 Kilometer nördlich von La Serena - immerhin stimmte ja die Richtung. Als ich ankam, war es zu spät für Pinguinbesichtigungen per Boot. Ich traf dort zwei Spanier aus Barcelona, die Pinguine und Wale auf einer Bootstour gesehen haben wollten. Wir plauderten ganz nett miteinander, vor allem auch, weil sie gleich zu Anfang der Unterhaltung mein Spanisch sehr gelobt hatten.

Wir kamen dann auf das Thema Mietwagen zu sprechen, weil ich erwähnte, dass ich mit meinem Spanisch bei den chilenischen Polizisten sehr große Schwierigkeiten gehabt hätte, den Unfallhergang und die Entstehung der Beule zu schildern. Ich hätte übrigens einen Mietwagen mit Allradantrieb genommen, weil ich damit ja über die Anden wolle - nach Argentinien. In dem Moment, als ich das sagte, war mir natürlich selbst klar, dass man die Anden normalerweise auf Straßen überquert und dafür ein normaler Pkw vollkommen ausreichend ist. Die Beiden fingen jedoch sofort an zu streiten, da der kleine Kleinwagen, den der eine per Internet gemietet hatte, dem anderen ein viel zu kleiner Kleinwagen war. Sie stritten noch als ich bereits mit meinem verbeulten Allradfahrzeug Punta de Choros verlassen hatte.

Auf dem Rückweg habe ich dann Guanacos in freier Wildbahn gesehen. Und zwar so nah, wie noch niemals zuvor. Soviel über Tsunamis und Mietwagen und zu Humboldt- pinguinen und Improvement. Und: Wenn man sich so richtig über das Hotelfrühstück und den ganzen Rest der Welt aufgeregt hat, bekommt man richtig gute Laune.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Dienstag, 27. November 2007

Unvollständiger Bericht vom Untergang der MS Explorer


In der antarktischen See, so dachte ich, sei Telekommunikation nicht ganz so einfach. Man bräuchte schon Satellitentelefone oder sogar Funk mit dem entsprechenden Funkerpatent, um sich der Welt auch von diesem entfernten Ozean aus mitteilen zu können. Erst eine Schiffskatastrophe erinnerte mich daran, dass selbst einfache Mobiltelefone mittlerweile hochseetauglich sind, weil es Anbieter gibt, die dies ermöglichen. Plötzlich hieß es "Your Captain is speaking ..." und man solle den Gebrauch von Mobiltelefonen unterlassen, da die Leitungen für die Koordinierung der Rettungsmaßnahmen gebraucht würden. Am Liebsten hätte ich sofort telefoniert.

Was war geschehen? Ein Schiff war im Bransfield Strait, westlich der antaktischen Halbinsel, mit Eis kollidiert, leckgeschlagen und drohte zu sinken. Nicht mein Schiff, beziehungsweise, nicht das, auf dem ich mich befand. Und so war ich als Passagier auf den Planken des rettenden Schiffes eindeutig in der komfortableren Position. Retten, das ist Sache von Profis. Beim Sich-Retten-Lassen, da darf man auch als Amateur mittun. Als Zu-Rettender ist man zum Passiv-Sein verdammt und schon deshalb blutiger Anfänger. Als Passagier des Rettungsschiffes hält man sich jedoch am Besten aus dem ganzen Schlammassel raus - sowohl mit Taten, als auch mit guten Ratschlägen. Auf keinen Fall sollte man im Weg stehen. Alles was man tun kann ist fotografieren und kommentieren. Aber auch das geht nur von Passagier zu Passagier. Alle anderen sind ja beschäftigt. Ist die Rettung vollbracht, dann sind warme Pullover sehr willkommen.

Was aus den Salons eines Kreuzfahrtschiffes an Gedanken über das Wesen des Rettenden so entfleucht, das ist die eine Seite. Die andere Seite ist des ernste Geschehen, bei dem es um Schiffbruch und Menschenleben geht.

Am 23. November 2007 gegen 2 Uhr Morgens erreichte die MS Nordnorge, auf der ich mich zu dieser Stunde schlafend befand, ein nur unvollständig verständlicher Notruf. Die Endavour, ein kleineres Kreuzfahrtschiff, hatte den Notruf verstanden und die Botschaft nochmals an die Nordnorge im Klartext abgesetzt. Mitreisenden mit leichterem Schlaf berichten, dass sich unser Schiff gegen 2:30 in Bewegung setzte. Dreieinhalb Stunden später, gegen sechs Uhr morgens, weckte mich die Durchsage, dass die MS Nordnorge einen Notruf erhalten habe und demnächst Schiffbrüchige aus Rettungsbooten aufnehmen würde. Die Passagiere würden gebeten, den mittleren Teil von Deck 5 und das komplette Deck 7 für den Rettungseinsatz freizuhalten.

Das Schiff, das gerade dabei war unterzugehen, war die MS Explorer. Das erste Kreuzfahrtschiff, dass die antarktische Region jemals befahren hat. Die MS Explorer wird auch das erste Kreuzfahrtschiff sein, dass in dieser Region auf den Meeresgrund sinken wird. Zwölf Stunden später, gegen 19 Uhr am Abend des 23. Novembers, wird sie bereits in etwa zweitausend Metern Tiefe liegen und keine Spur von ihr, wird mehr zu sehen sein.

Die Passagiere und die Crew des sinkenden Schiffes sind, als wir eintreffen, bereits seit vier Stunden in den Rettungsbooten. Andere der Geretteten sprechen später von sechs Stunden. Ganz gleich was nun stimmt: Viele von ihnen haben keine Schuhe an, tragen nur Socken und leichte Kleidung. So saßen sie in vier offenen Rettungsbooten bei gemessenen -5 Grad Außentemperatur. Was man in der folgenden Berichterstattung nicht hört: Nur bei einem der Rettungsboot funktioniert der Motor. Die anderen können nicht manövrieren und das Boot optimal zu den Wellen stellen. Das bedeutet, dass Wasser in die Boote spritzt und die Bootsbewegung sehr unangenehm und insabil wird. Aber es gibt die Zodiacs - sechs wendige Schlauchboote, die verhindern, dass die Rettungsboote auseinanderdriften. Später höre ich von einem der Besatzungsmitglieder: "Die Zodiacs haben uns gerettet."

Als wir mit der MS Nordnorge an der Unglücksstelle sind, geht alles sehr schnell und sehr professionell. Ein Rettungsboot der MS Nordnorge wird als Aufzug benutzt. Die Schiffbrüchigen steigen aus ihren offenen Bootenum, und werden hochgezogen auf Deck 5. Andere benutzen die Lotsentür. Nach etwa einer Stunde sind alle an Bord und die Zodiacs der MS Explorer werden von der MS Endavour per Kran geborgen.

Wir auf der MS Nordnorge haben jetzt 150 Gäste. Als ich nach einigen Stunden Deck 7 besuche, auf dem die Schiffbrüchigen der Explorer ihr Sachen deponiert hatten, werde ich Zeuge einer kleinen Begebenheit. Während sich vor mir noch einige der Schiffbrüchigen darüber unterhalten, wie sie den Moment der Katastrophe erlebt haben, setzt sich einer der Geretteten ans Klavier und beginnt einige kleine Jazz-Improvisationen zu spielen.

Manch einem der Passagiere der MS Nordnorge fällt es noch schwer sich zu vergegenwärtigen, dass diese Gäste Schiffbrüchige sind. Die Rettungsaktion fand bei gutem Wetter statt: Wenig Wind, keine hohen Wellen und nur leicht bedeckter Himmel. Fast wie eine kleine vergnügliche Exkursion zur Unterhaltung von uns Antarktis-Abenteurern. Während auf Deck 7 noch so mancher erschöpft, manch anderer euphorisch Katastrophe und Rettung verarbeiteten, wird auf Deck 4 von einigen der Nordnorge-Passagiere schon spekuliert, ob man heute noch eine Pinguinkolonie und eine Walfängerstation besuchen wird. Ganz selbstverständlich wird von einigen angenommen, dass die 150 Schiffbrüchigen den Ablauf der Reise nicht merklich stören werden. Hätte ein Frachter sie aufgenommen, würde der den Kurs ja auch nicht ändern.

Realistisch ist diese Einstellung nicht. Nachdem die MS Nordnorge die Schiffbrüchigen aufgenommen hat, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Reederei der Nordnorge kann die Schiffbrüchigen auf der chilenischen Basis Mersh Frei absetzen, damit sie von dort ausgeflogen werden können. Oder aber die MS Nordnorge fährt sofort nach Ushuaia und bringt die Schiffbrüchigen dort an Land. Diese zweite Möglichkeit bedeutet den Abruch der Reise.

Wir hören auf der MS Nordnorge, dass sich die Reederei jetzt massiv in die Verhandlungen einschaltet. Kurze Zeit später ist klar, dass wir unsere Reise fortsetzen werden und die Schiffbrüchigen ausgeflogen werden. Spätestens hier kommen massive finanzielle Interessen ins Spiel. Fährt die MS Nordnorge vorzeitig zurück nach Ushuaia, dann gilt die Reise als abgebrochen und wir als Passagiere hätten wohl gute Karten, dafür eine finanzielle Entschädigung zu fordern.

Aber über diese Verhandlungen im Hintergrund erfahren wir genausowenig wie über die tatsächlichen Ereignisse, die dazu führten, dass die MS Explorer leckschlägt und neunzehn Stunden später sinkt. Es habe ein kleines Leck gegeben, das durch Eis hervorgerufen worden sei. Es sei Wasser eingedrungen. Der Wassereinbruch habe einen Kurzschluß verursacht. Dadurch sei die Explorer manövrierunfähig geworden. Eis habe dann ein zweites Leck geschlagen.

Natürlich wird es eine Untersuchung der Umstände geben, die zum Untergang der MS Explorer geführt haben. Deshalb ist klar, dass man zum Ablauf der Havarie bis dahin nichts Verbindlicheres hören wird. Alle Verantwortlichen wissen schließlich, wann es besser ist, den Mund zu halten. Die Schiffbrüchigen selbst wissen nicht, welche Informationen bei der Untersuchung wichtig sein werden. Deshalb muss auch mein Bericht vom Untergang der MS Explorer unvollständig bleiben.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Weitere Photos findet man unter Wikimedia Commons.

Freitag, 16. November 2007

Art Deco in der Pampa


So kann man sich irren. Buenos Aires und Argentinien hatte ich nicht auf der Rechnung, was den kunsthistorischen Beitrag zu Art Deco Bewegung der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts betrifft. Das ist komplett falsch. Ausserdem sind die Argentinier was die Adaption von europäischen Strömungen betrifft, total verrückt.

Es bedurfte schon einer Ausstellung im Centro Cultural Borges, ganz in der Nähe von meinem Hotel, um mir die Augen zu öffnen. Mit offenen Augen fällt einem dann auch mal was ins Auge. So zum Beispiel die Garage Guido im Stadtteil Recolta. Wie von selbst fand ich dann in San Telmo eine Antiqutätenladen, der wahrscheinlich die weltweit größten Bestände an Möbeln, Lampen und Kunstgewerbe dieser Richtung anbietet: Die Galerie Guevara.

Der absolute Krönung sind jedoch die Arbeiten des argentinischen Arhitekten Francisco Salamone. Zwischen 1930 und 1940 baute er im Auftrag des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires, der ein glühender Verehrer von Mussolini gewesen ist, mehr als 60 öffentliche Gebäude: Rathäuser, Friedhofseingänge und Schlachthäuser.



Dieses Bild stammt aus dem Blog Francisco Salamone. Weitere Informationen, unter anderem auch über den Standort der Gebäude, gibt es
bei dem Fotografen Leandro Aguirre.

Mittwoch, 14. November 2007

Weltmeister im Schlangestehen


Argentinier legen Wert darauf, uns unwissenden Europäern zu vermitteln, dass Argentinien mehr ist als Tango, Steak und Maradona. In gewisser Hinsicht entpuppen sich Argentinier als erstaunlich diszipliniert, kultiviert und sparsam.

Argentinier verbringen viel Zeit damit Schlangen zu bilden. Sie sind die ungekrönten Weltmeister in dieser Disziplin und die längste Schlange im Guinness Buch der Rekorde müßte in Argentinien gebildet worden sein. Gemeint sind nicht politische Manifestationen, wie Menschen- oder Lichterketten, mit denen medienwirksam von Edinburgh bis Palermo für den Frieden demonstriert wird. Es geht, vereinfacht gesagt, um das alltägliche Anstehen. Anstehen für den Bus von der Arbeit nach Hause, wie oben zu sehen. Oder Anstehen, um Karten für das Länderspiel Argentinien gegen Bolivien am Luna-Park in Buenos Aires zu kaufen, wie unten zu sehen.

Eine Geduldsprobe ist auch die Ausstellung oder Verlängerung eines Personal- ausweises, auf argentinisch DNI genannt. Auch hier steht man ganze Tage in einer Schlange, die sich kaum bewegt. Die Geduld, mit der diese bürokratische Folter erduldet wird, ist nicht von dieser Welt. An jedem Werktag sieht man diese geduldigen Staatsbürger, wenn man die Avenida Paseo Colon an der Faculdad de la Ingenieria vorbei, in Richtung La Boca fährt.

Aber auch andere Dinge sind hier anders: Im Café kommt der Milchkaffee zunächst ohne Milch auf den Tisch. Der Kellner hat eine Kanne dabei und füllt am Tisch den Kaffee mit Milch auf. Dazu gibt es ein Glas Wasser und einige kleine Stücke Gebäck. Man fühlt sich sofort sehr gut behandelt und ganz entspannt. Auch das Tonic-Water kommt in der Flasche und ungeöffnet an den Tisch. Der Kellner öffnet die Flasche und schenkt ein. Der Zweck der Übung ist die Herstellung von Vertrauen und Transparenz. Man könnte auch sagen, dem Mißtrauen wird jede Grundlage entzogen. Der Zweck der Übung ist, etwaige Reklamationen mit dieser Konvention im Keim zu ersticken. Jeder kann doch sehen, dass die Basis des Café con Leche ein ehrlicher Café ist, der die Tasse mehr als bis zur Hälfte füllte. Jeder kann sehen, dass die ungeöffnete Flasche Tonic das echte Schweppes enthält und mich hier kein Betrüger über den Tisch ziehen will. Das hat in der Vergangenheit viel Streit erspart und so mancher Messerstecherei die Grundlage vorenthalten

Schließlich entpuppen sich die Porteños - also die Bewohner von Buenos Aires - auch noch als ziemlich klever und sparsam. An vielen Kreuzungen hat man sich einfach die Fußgängerampeln gespart. Wenn man als Auswärtiger den Trick erstmal verstanden hat, dann sind Fußgängerampeln tätsächlich meistens überflüssig. Fließt der Verkehr in die Richtung, in der man sich als Fußgänger bewegen möchte, oder kommt er aus der Gegenrichtung, dann kann man gefahrlos die Straße überqueren. Hilfreich für die antizipierende Bewegung im Straßenverkehr sind die Ampeln für die Autos. Springt die Ampel der Querstraße, die man queren möchte auf rot, dann kann kann man gleich die Straße überqueren. Springt sie auf grün, dann solle man sich beeilen, die gegenüberliegende Seite zu erreichen. Beruhigen dabei ist, dass der abbiegende Verkehr Fußgänger weitgehend als lebenswerte Kreaturen respektiert.

Argentinier regen sich schnell und gerne auf. Was sie dabei so sagen, ist oft nicht druckreif und kann von Auswärtigen meist nicht hundertprozentig verstanden werden. Aber heute hat mir ein Taxifahrer gezeigt, dass der einzig vernichtende Vorwurf mit dem ein Argentinier einen anderen Argentinier belegen kann, darin besteht, ihn als mal educado, als schlecht erzogen, zu bezeichnen. Die Argentinier sind ein Volk mit Kultur und viele von ihnen muss man als Intellektuelle und Lebenskünstler bezeichen. Letzteres trifft auf jeden Fall zu.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Montag, 12. November 2007

Die Gesichter von Buenos Aires


"Die Geschichte von Buenos Aires steht im Telefonbuch der Stadt geschrieben: Pompeji Romanow, Emilio Rommel, Crespina D. Z. de Rose, Ladislao Radziwil und Elizabeta Marta Callman de Rothchild - fünf Namen, aufs Geradewohl unter dem Buchstaben R ausgewählt, erzählen eine Geschichte von Exil, Enttäuschung und Angst hinter Spitzengardinen." Dies schrieb Bruce Chatwin 1977 ganz am Anfang seines Buches In Patagonien. Und das ist die Wahrheit.

Diese europäischen Wurzeln sieht man auch heute noch, wenn man durch Buenos Aires flaniert. Was im Stadtbild fehlt sind die "Eingeborenen", die Indios oder - politisch korrekt - die Indigenas. Die Einwanderung und die Landnahme hat in Argntinien von ihnen so gut wie nichts übrig gelassen.






Alle oben gezeigten Portraits entstanden bei einer vaterländischen Zermonie auf dem Friedhof Recoleta, deren Zeuge ich zufällig wurde. Geehrt wurden die Helden einer Schlacht, die vor vielen hundert Jahren, an der Grenze zu Boliven stattfand. Es wurden vaterländische Reden gehalten, ein katholische Priester mit streng gescheiteltem lichtem Haar weihte die Fahnen und ein Trompeter in Uniform blies in sehr korrekter Haltung eine melancholische kleine Melodie.



Wenn es etwas gibt, das die Argentinier von anderen Menschen auf diesem Planeten unterscheidet, dann ist es ihre Fähigkeit selbst profanen Dingen jede Menge Pathos zu verleihen. Die vaterländische Zeremonie auf dem Friedhof Recoleta endete mit dem Absingen der argentinischen Nationalhymne, die im Unterschied zur Deutschen sehr schwer zu singen ist. Vor Pathos triefen aber auch Texte, die beispielsweise die Geschichte einer Druckerei beschreiben, die ich hier in Buenos Aires besuchte. Dort heißt es: "Unsere Geschichte beginnt im Jahre 1987. Seit dieser Zeit sind wir mit Opferbereitschaft, starkem Willen, Anstrengung und Würde den Weg des Wachstums und der Selbstvervollkommnung gegangen." So klingt hier vieles, was offiziel gesagt oder geschrieben wird.

Die Kehrseite von Pathos und Vaterlandsliebe ist ein tiefes Mißtrauen gegenüber allen Institutionen. Dafür gibt es auch gute Gründe. Das führt schnell zu gewaltsamen Ausbrüchen, wie beispielsweise vor einigen Monaten geschehen. Der Bahnhof Retiro wurde damals von einer Menschenmenge verwüstet, weil ein Nahverkehrszug ohne Angabe von Gründen ausgefallen war. Heute saß ich in einem Café und sah im Fernsehen, wie demonstrierende Arbeiter sich mit Polizisten prügelten. Es war die Rede von zwölf Verletzten.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Sonntag, 11. November 2007

Die Toten von Buenos Aires


Die Zahl der Toten übertrifft die Zahl der Lebenden um ein Vielfaches. Das ist uns meist nicht bewußt und auch ziemlich egal. Es läßt sich auch nicht ändern.

Der Großraum Buenos Aires ist mit rund 13,5 Millionen Lebenden nach Sao Paulo die zweitgrößte Stadt Lateinamerikas. Buenos Aires lebt - wie jede andere Stadt - auf ungezählten Toten. Aber: Hier sorgen die Lebenden gut für ihre Toten - und die Toten von Buenos Aires, sorgen so gut sie können, für die noch Lebenden.

Paris hat den Pere Lachaise und Wien den Zentralfriedhof, London den Highgate Cemetery und die USA haben Arlington. Buenos Aires aber hat gleich zwei berühmte Friedhöfe. La Chacarita und Recoleta. Der eine, La Chacarita, gilt als die nationale Begräbnisstätte Argentiniens. Hier sind alle Volkshelden begraben: Carlos Gardel selbstverständlich und natürlich auch Juan Perón. Ausserdem der Tangosänger Roberto Goyeneche, der Komponist Carlos Acuñader, der Flugpionier Jorge Newbery, der Boxer Óscar Bonavena und der Fußballer Adolfo Pedernera. Es gibt eine Ausnahme: Evita Perón - Don't cry for me Argentina - die Volkstribunin par exellence, ist auf dem Friedhof von Recoleta begraben. Recoleta, das ist die vergleichsweise konservativere und vaterländischere Begräbnisform. Hier ruhen die Gründer und Bewahrer der Republica Argentina: Alvear, Sarmiento, Saavedra, Pellegrini, Mitre und Yrigoyen.



Evita Perón ist ein Mythos und als solcher wird die wirkliche Person von dem überlagert, was die mediale Wahrnehmung hinzufügte und noch immer hinzufügt. Selbst wenn in kommenden Zeiten die meisten glauben werden, sie habe ausgesehen wie Madonna, ändert das nichts daran, dass sich in Evita Perón Hoffnung und Schicksal in einer Weise verbinden, wie es so kitschig und wahr nur in Argentinien geschehen konnte. Evita und Peròn, das ist Tango als Politik. Einerseits eine Farce, andererseits eine Tragödie. Evita Duarte, die spätere Perón, stammte aus der argentinischen Unterschicht, verdiente sich ihren Lebensunterhalt im Rotlichmilieu, heiratet den Emporkömling Juan Domingo Perón Sosa, der eine militärische Karriere machte, wurde Präsidentengattin und Volkstribunin und starb mit 33 Jahren an Gebärmutterkrebs.

Die kundigen Führer durch den Friedhof von Recoleta können lange Geschichten über Evita erzählen. In einer Tiefe von fünf Metern ruhe ihr einbalsamierter Körper in der Familiengruft der Duartes. Um ihn zu konservieren, sei eigens ein Spezialist aus Europa eingeflogen worden. Ihre Haut sei so glatt wie Marmor und ihr Körper sei vollkommen erhalten, inklusive der inneren Organe. Man könne sogar die Geschwulst sehen, die ihr das Leben gekostet habe.

Die beiden Friedhöfe La Chacarita und Recoleta sind ein warmer und dauerhafter Regen für den Tourismus und für den Arbeitsmarkt von Buenos Aires. Beide Friedhöfe sind eine Touristenattraktion und eine krisenfeste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für kundige Führer, aber auch für Handweker und Reinigungspersonal.



Mausoleen müssen gewischt und gewienert werden. Was in Gruften passiert ist viel weniger bekannt, da es sich im wesentlichen unterirdisch und im Verborgenen abspielt. Bisher war ich der Meinung, dass da wo der Tod zugeschlagen hat, nicht mehr viel zu tun übrig bleibt. Da ist Tabula rasa und nicht mehr viel zu holen. Natürlich sind auch in Deutschland Begräbnisse ein gutes Geschäft. Bei der Grabpflege wird ab und an ein wenig geharkt und mal ein neues Lorbeerbäumchen gepflanzt. Aber sonst überläßt man die Toten sich und ihresgleichen. Kürzlich gab es zum Geschäft mit Begräbnissen einen interessanten Artikel in brand eins: Aufschwung durch Ableben. Aber die deutsche Sepulkralkultur - also das, was kulturell an den Umgang mit dem Tod gekoppelt ist – hat in dieser Hinsich viel weniger Potenzial als der argentinische Way of Death.



Wenn ich es richtig beobachtet habe, dann wird nicht nur gewischt, geputzt und gewienert, es wird auch gelüftet. Selbst den in der Holzklasse Begrabenen öffnet man kurz das Türchen und läßt die schlechten Winde in die Buenos Aires entweichen.



Zwischen Lebenden und Toten scheinen die Geschäfte gut zu laufen. Die Toten haben oft den Gundstein für beträchtliche Vermögen gelegt. Auf den Friedhöfen La Chacarita und Recoleta haben sich Dynastien ihre Denkmäler gesetzt. Dynastien, die in der Geschichte Argentiniens nicht nur große Vermögen, sondern auch Macht angehäuft haben. Die Pflege lassen sich die Erben etwas kosten. Sie pflegen ihren Status und das Andenken an diejenigen, denen sie ihren Wohlstand verdanken.



Heute erschien in Clarin, der führenden Tageszeitung Argentiniens, auf den Seiten 56 und 57 ein Artikel über die zunehmende Verwahrlosung des Friedhofs Recoleta. Auch das ist ein Teil der Wahrheit. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2007 gab es hier nur 127 Beisetzungen. Zum Vergleich: La Chacarita hatte 6711 Begräbnisse. La Chacarita ist damit Marktführerin in Buenos Aires. In La Chacarita gibt es 8925 Mausoleen. In Recoleta 4691. Davon sind 94 Bauwerke als historisch bedeutend klassifiziert und werden vom Staat unterhalten. Die Leute wollen aber heute, so endet der Artikel in Clarin, weniger aufwendige Begräbnisformen. Und deshalb wird die Erhaltung des Friedhofs der Helden der Nation in Zukunft ein öffentliche Aufgabe sein. Man sieht, auch Friedhöfe können sterben.

Die Fotos stammten vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Interessante Links: Größte Agglomerationen der Welt

Donnerstag, 8. November 2007

Vergeßt Brasilien


Dieser kleine Text handelt von verpassten Gelegenheiten. Brasilien zum Beispiel hat die Gelegenheit verpasst, sich bei mir einzuschmeicheln - das ist unwiderruflich und und wird sich auch bis zur Fußball WM 2014 nicht mehr ändern. Wie das kam, das ist die eine Sache. Auf dem Flughafen von Sao Paulo habe ich eine Gelegenheit verpasst - das ist eine ganz andere Sache. Die ist aber weniger schlimm.

Am 6. November 2007 um 8:30 Ortszeit habe ich auf dem Flughafen Guarulhos in Sao Paulo Doris Dörrie gesehen. Ich habe kein Foto von ihr und ihren Begleitern gemacht, weil mir das zu aufdringlich gewesen wäre. Sie stand jedenfalls wenige Minuten vorher genau da, wo jetzt auf diesem Foto keiner mehr steht. Mit drei Begleitern ist sie kurz zuvor durch das Gate 4B Richtung Montevideo verschwunden. Da ich kein Foto gemacht habe, kann ich das nicht beweisen. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es Doris Dörrie war.

Ich habe auch schon einmal ganz zufällig Udo Lindenberg getroffen. Auch davon habe ich kein Foto. Getroffen habe ich ihn im engeren Wortsinn ja nicht, sondern nur gesehen, zufällig eben, im Requisitenverkauf der "Komischen Oper" Berlin, ganz in der Nähe des Hotels Adlon. Am Anfang hab ich ihn eigentlich nur gehört. Da trällerte einer so vor sich hin, und ich dachte, das hört sich ja an wie Udo Lindenberg. Kurz darauf sah ich die Gestalt, die da trällerte, und weil die aussah, wie Udo Lindenberg, war ich mir dann sicher, dass das Udo Lindenberg sein mußte. Udo Lindenberg kannte sich im Requistenverkauf gut aus und die Requistenverkäufer schienen in gut zu kennen. Einem Requistenverkäufer erzählte er, dass er mit Hape Kerkeling irgendetwas im Hotel Adlon zu tun gehabt hatte. Vielleicht hatten sie auch nur was zusammen getrunken. Ich weiß ja nicht, ob sich Hape Kerkeling das Hotel Adlon überhaupt leisten konnte. Das war ja noch vor seinem Buch über den Weg zu sich und über den Jakobsweg. Mir fiel auf, dass Udo Lindenbergs Haare, so wie sie unter dem Hut herabfielen, sehr dünn aussahen. Da ich kein Foto habe, kann ich das leider nicht beweisen. Es sah auf jeden Fall so aus, als seien unter dem Hut nur noch ganz wenige Haare.

Gabi Bauer, die früher einmal die Tagesthemen moderierte, wohnte einmal in der gleichen Pension wie ich. Das war zu einer Zeit, als sie noch die Tagesthemen moderierte. Sie und ich, wir waren in Mallorca in einer Segelschule und sahen uns immer abends in der Kneipe. Sie wird sich daran kaum erinnern, da sie mit ihrer Bezugsgruppe, zu der auch ihr Lebensgefährte gehörte, kräftig einen drauf machte. Leider habe ich auch davon kein Foto. Kurze Zeit später hieß es, sie sei schwanger. Dies wurde nicht dementiert. Sie schmiß ihren Job bei den Tagesthemen und bekam Zwillinge. Jetzt moderiert sie wieder das ARD-Nachtmagazin. Da spart sie sich wahrscheinlich die Tagesmutter.

Auf dem Frankfurter Flughafen habe ich einmal den ehemaligen Umweltminister der Bundesrepublik Deutschland Jürgen Trittin gesehen. Der sieht im Anzug wirklich saugut aus. Leider habe ich auch davon kein Foto. Mit Doris Dörrie weiß ich mich in einer Sache sehr einig: Die Verhältnsse in Brasilien sind sehr seltsam und ziemlich durcheinander. Am Gate 4A bis 4D auf dem Flughafen Guarulhos von Sao Paulo wurden am Morgen des 6. Novembers 2007 vier Flüge abgefertigt, die alle zwischen 8:45 und 9:30 starten sollten. Die Passagiere wurde nur an Gate 4A abgefertigt. Die Gates 4B bis 4D waren unbesetzt. Abgefertigt wurden nur die Flüge, die laut regulärem Flugplan schon längst weg sein sollten. Mein Flug nach Buenos Aires startete mit zwei Stunden Verspätung.

Auf dieser Geschäftsreise von Buenos Aires nach Joao Pessoa und zurück flog ich viermal mit der brasilianischen Fluggesellschaft TAM. Alle vier Flüge starteten verspätet und natürlich kamen sie auch verspätet an. Das liegt nicht an TAM, das liegt an Brasilien. Auf dem Flughafen Guarulhos gibt es beispielsweise keine mit Gepäck befahrbare Rolltreppe zwischen den internationalen Arrivals und den nationalen Departures. Alle, die aus dem Rest der Welt in Sao Paulo ankommen und von Sao Paulo einen anderen brasilianischen Flughafen erreichen möchten, klemmen sich mit ihrem Gepäck in zwei Aufzüge, die von den Arrivals zu den Departures führen.

Auf dem neuen internationalen Flughafen von Joao Pessoa kann man eine andere Form der Desorganisation erleben: Ist man durch den Sicherheitcheck, dann funktionieren die Monitore mit den Fluginformationen nicht mehr. Um sehen zu können, ob ein Flug aufgerufen wird oder Verspätung hat müsste man aus dem Sicherheitsbereich hinaus. Das geht aber nicht. Es gibt Lautsprecheransagen, aber die versteht man nicht. So ist Brasilien.

Das Auschecken in einem Hotel in Joao Pessoa kann locker eine Stunde dauern. Oder man will einen zweiten Zimmerschlüssel. Einen Tag später verlangt man ihn nochmals. Hat man Glück, dann klappt es, wenn man ein drittes Mal nachhakt. Keiner entschuldigt sich für solche Unaufmerksamkeiten, niemand tut etwas dagegen und keiner fühlt sich für irgendetwas verantwortlich.

Das alles könnte man verzeihen. Die Tropen sind oft traurig und manchmal tief in sich versunken. Dinge funktionieren anders und manchmal langsam. Auf dieser kurzen Reise habe ich jedoch dreimal den auf portugiesisch ausgesprochenen Satz gehört: "Wir sind Brasilianer und wir sprechen portugiesisch!" Das war die Antwort auf die Frage: "Sprechen Sie Englisch?" Das letzte Mal hörte ich diesen Satz, nachdem ich eine Stunde in der Schlange zum Sicherheitscheck am Flughafen Guarulhos stand. Die brasilianische Sicherheitskraft machte sich nicht die Mühe mir verständlich zu machen, welcher wichtige Stempel auf meiner Boardingcard fehlte. Auch wenn man nicht Englisch spricht, kann man versuchen verständlich zu machen, was fehlt und was zu tun ist. Aber Brasilianer sind so stolz Brasilianer zu sein, dass dies gut als Ausrede für ihre Faulheit ein paar Brocken englisch zu lernen dienen kann. Als Opfer dieser dummen Arroganz kann ich nur sagen: Verottet doch mit eurem Portugiesisch in euren traurigen Tropen. Vergeßt Brasilien! 2010 und 2014 spielen wir euch an die Wand.

PS: Im Frühjahr 2006, an dem Tag als die Stones an der Copacabana ihre World Tour eröffneten, dachte ich, ich hätte im Hotel Gustavo Kürten gesehen. Er war es nicht. Das weiß ich auch ohne Foto.

Die Fotos stammten vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Sauna im 22. Stock


Das Sheraton an der Avenida Cordoba in Buenos Aires hat momentan ein Handicap: Es wird renoviert - und das macht Krach. Im 22. Stock aber ist es ruhig. Dort befindet sich der Wellness- und Fitnessbereich. Der Ausblick aus der Sauna kann sich sehen lassen.




Die Fotos stammten vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Mittwoch, 7. November 2007

Das Gelbe vom Ei


Lima finden ganz viele Menschen prima - schließlich gehört das historische Zentrum der peruanischen Hauptstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Lima gehört zu Peru und in Peru liegen so tolle Orte wie Machu Picchu, Cuzco und ein Teil des Titicacasees. Auch das finden viele ganz, ganz prima. Ich finde, Lima ist nicht das Gelbe vom Ei - auch wenn sich diese Stadt mit ganz vielen Rätseln interessant machen will.


So rätselhaft wie die Nazca-Linien im Süden Perus, ist, dass man als Reisender in Lima ganz überraschend auf umgestürzte Polizeifahrzeuge trifft. Solche Attraktionen habe ich sonst noch nirgendwo gesehen. Diese Polizeifahrzeuge sind durch die Einwirkung einer geheimnisvollen Kraft auf gerader Strecke umgestürzt. Vollkommen rätselhaft ist, dass dabei kein Mensch verletzt wurde. Die Aufräumungsarbeiten werden sehr unaufgeregt und routiniert erledigt - ein Beleg dafür, dass dieses Phänomen der umgestürzten Polizeifahrzeuge hier häufig auftritt.

Ähnlich rätselhaft ist die Beliebtheit von Chicha morada. Die normale Chicha wird aus vergorenem Mais hergestellt und ist ein bierähnliches alkoholisches Getränk, das bevorzugt in den Andenregionen Südamerikas getrunken wird. Chicha morada ist die alkoholfreie Variante, die aus violettem Mais hergestellt wird. Sie schmeckt säuerlich und selbst eisgekühlt ein wenig verdorben. Trotzdem trinken die Limaten - wie ich die Bewohner Limas insgeheim nenne - diesen Saft in großen Mengen. Manche Touristen bestätigen, wenn sie von Einheimischen gefragt werden, Chicha morada schmecke gut. Aber das ist reine Höflichkeit und nicht die Wahrheit.

Wahr ist aber ein anderes großes Rätsel, das mit einem sehr schmackhaften Getränk zu tun hat. Pisco Sour ist das alkoholische Nationalgetränk Perus. Mit dem südlichen Nachbarn Chile streitet man erbittert darüber, wer den Pisco erfunden hat. Umstritten ist auch welches der beiden Völker den besseren Pisco brennt. Die Limaten sind überzeugt davon, dass der chilenische Pisco minderwertig ist. Die Chilenen hingegen wissen, dass sie ihren Pisco wesentlich besser vermarkten und den erheblich größeren Anteil der Welt-Pisco-Nachfrage bedienen.

Ein Pisco Sour besteht aus drei Teilen Pisco, je einem Teil Limettensaft, Zuckersirup und Eiklar und wird mit Eis gemixt. Auf die Krone kommt ein Spritzer Angostura bitter und fertig ist eines der schmackhaftesten, aber auch gefährlichsten Mixgetränke der Welt. In jedem Pisco befindet sich geschlagenes Eiweiß. Alleine die Limaten und ihre Besucher aus aller Welt trinken täglich schätzungsweise 4 Millionen Piscos. Das große Rätsel dabei ist: Was geschieht mit dem Eigelb? Keiner der dazu befragten Limaten wollte dazu eine Antwort geben. Die meisten taten so, als vestünden sie die Frage nicht. Das Verschwinden des Eigelbs scheint an eines der großen Tabus der peruanischen Gesellschaft zu rühren.

Von den Limaten war dazu keine Auskunft zu bekommen. In einigen Wochen werde ich den Chilenen die gleiche Frage stellen. Vielleicht kann dann das Rätsel gelöst werden.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Freitag, 12. Oktober 2007

Autoradio - ratlos


Es ist Herbst und die Nobelpreise fallen von den Bäumen. Für die Demutsforschung ist wieder keiner heruntergefallen. Aber vielleicht könnte man Al Gore dafür vereinnahmen. Heute erreichte mich eine Leserzuschrift zum Thema Technik und Demut. Da muss ich mir nur noch die Arbeit machen, diesen Vorspann zu schreiben. Sonst ist alles gesagt. Autoradios wurden perfektioniert, um uns die Endlichkeit unserer Existenz vor Augen zu führen. Ein Menschenleben reicht nicht aus, sie zu begreifen.

Früher waren Radios sehr einfach. Sie hatten einen Drehknopf zur Senderwahl und einen für die Lautstärke. Dazu kamen einige, wenige Tasten zur Auswahl des Frequenzbereichs. Kinderleicht. Auch heute muss man die Funktionsweise von Radios nicht verstehen. Aber - vor allem die Unterspezies des Autoradios - kann man nicht mehr bedienen, ohne intensive Schulung. Hier eröffnet sich ein weites Feld für die Demutsforschung. Zu Radios und Internet erreichte mich folgende Lesezuschrift:

Lieber Reinhard,

nachdem ich nun so glücklich war durch Deine Ausführungen zu Gesellschaft, Politik und sozialem Leben umfassend und dabei doch objektiv und wertfrei über das Weltgeschehen informiert zu werden, endlich mein Abo der "Zeit" abbestellen zu können (die Entsorgung des Altpapiers hat mich schon immer genervt und hast Du schon mal versucht im Bett die "Zeit" zu lesen?), die lästigen Termine zum Tagesschau und Kulturzeit kucken nicht mehr einhalten zu müssen (stattdessen kann ich jetzt endlos mit meinen Freundinnen telefonieren) und ein neues Billy Regal von Ikea muss ich auch nicht anschaffen, denn was brauche ich Bücher wenn ich Deine mails habe, und überhaupt es ist Buchmesse und weißt Du was da neu erscheint, und was die kosten und ich hab ja auch schon ein paar - also, wie gesagt, nachdem ich dachte meine vormals grauen Tage bekämen durch Dich neuen Glanz, mein Leben würde effizienter, ich endlich schlauer und die Bildung finanzieller Rücklagen fürs drohende Alter nun auch möglich - was soll ich Dir sagen: ich krieg die Links nicht auf!!!

Ich drück auf das so schön blau markierte Feld, dann erscheint die Meldung, dass dieser Link nicht geöffnet werden kann und zu allem Überfluss tutet der PC dann auch noch so komisch. Ich erschreck mich jedesmal!

Sabine sagt, das gibts nicht, bei ihr funktioniere alles! Und echt, Reinhard, das kränkt mich! Ok, zugegebermaßen, ich bin keine Leuchte mit der Technik, vor ein paar Tagen habe ich mir einen tragbaren CD-Player gekauft fürs Auto, weil ich das Auto jetzt seit vierzehn Jahren habe und immer noch nicht weiß wie man den Radiosender umstellt, und mir dachte, pah, höre ich halt beim Fahren die Musik die ich mag und muß mir nicht immer das Geschwätze von grenzdebilen Moderatoren antun, und habe mich auch richtig gefreut, dass ich überhaupt auf die einfache Lösung des Problems gekommen bin, aber das Ding funktioniert nicht ( den CD-Player meine ich, das Auto im Moment auch nicht so gut, morgens gurgelt es immer so komisch beim Anlassen - wahrscheinlich die Batterie, na ja), also, was wollte ich sagen?

Ja, ich traue mich nicht in den Elektrofachhandel wegen dem CD-Player, weil da sind immer so junge Männer die mich dann ganz mitleidig ansehen, und ich fühl mich dann ganz alt und dumm und dann wieder die zeitintensiven Therapiestunden, wo ich doch (siehe oben) gerade meine Zeit gespart zu haben, Du weißt schon: wegen Deiner Beiträge!

Wahrscheinlich gibt es ja einen ganz simplen Trick (obwohl, was ist im Zusammenhang mit Technik schon simpel? Also, ich meine im technischen Sinne simpel, weil wenn ich sehe wer alles so was kann, so was technisches, was ich nicht kann, aber was die alles nicht können, was ich kann, also nicht im technischen ), dann wäre es sowas von entgegenkommend von Dir mir denselbigen zu verraten, weil sonst muss ich wieder jemanden fragen, der mich dann so mitleidig anschaut - na, Du weißt schon!

Und Du musst mich ja nicht anschauen wenn Du mir den Trick per Mail verrätst. Du kannst ja dann ganz für Dich alleine mitleidig schauen, ich sehe es ja nicht.
Also, lieber Reinhard. nix fer ungut und ansonsten einen schönen Tag

(Übrigens hättest Du Deinen Balkon im Sommer schon ein bißchen üppiger bepflanzen können, ich meine ich gehe da fast täglich vorbei und ich mache mir ja auch die Mühe und schlepp Erde und Gießkannen und weißt Du was das für ein Kraftakt das ist, das Zeug im Winter ins Treppenhaus zu schleppen?)


Mit der Bepflanzung meines Balkons hatte ich mich in diesem Jahr ein wenig angestrengt. Wie sich herausstellte, waren es vor allem Bodendecker und Unkraut, die sich bei mir breit machten. Das sieht von unten nicht gut aus. Okay, ich räum den Schrott jetzt rein!

Das Foto zeigt ein Röhrenradio. Es steht unter Creative Commons Licence.

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Jeder ein Künstler. Lebenslänglich.


Gerade döse ich ein wenig auf meiner Couch herum, da höre ich, wie Gert Scobel in 3satbuchzeit den us-amerikanischen Autor Richard Ford interviewt. Richard Ford sagt gerade, dass man als Autor nur episodenhaft denkt. Man hat ein Projekt und danach das nächste. Wie er das genau meint, weiß ich nicht, aber mir fällt etwas ein.

Dem geneigten Leser bin ich noch eine Kleinigkeit schuldig. Vor vielen Wochen ging es um die Thesen von rethinking Business. Dazu wollte ich mich nochmals äußern. Heute äußere ich mich endlich zu These 8: "Kern einer sich verändernden Wirtschaftsweise wird der projektwirtschaftliche Sektor sein, der von kreativen Wissensarbeitern und einem florierendem Unternehmertum getragen sein wird." Richard Ford hat sich gerade als Teil des projektwirtschaftlichen Sektors geoutet. Für einen Schriftsteller, wie auch für Angehörige anderer künstlerischer Berufe, ist das nichts besonderes. Jazzmusiker beispielsweise kann man ebenfalls als Zeugen für die Ausweitung des projektwirtschaftlichen Sektors in der Gesellschaft anführen. In den Big Bands der 20er und 30er Jahre herrschten noch weitgehend klare Abhängigkeitsverhältnisse. Der Bandleader war der Boss, die Musiker hatten meist ein festes Engagement mit einem relativ sicheren Einkommen. Anders ist das Business einer Big Band kaum zu betreiben. Mit der weiteren Entwicklung des Jazz etablierten sich kleinere musikalischer Einheiten, mit der Folge, dass sich der projektwirtschafliche Sektor im Jazz immer mehr ausweitete. Musiker taten sich auf eigene Rechnung und eigenes Risiko für einen begrenzten Zeitraum zusammen und trennten sich danach wieder. Das Zauberwort dafür ist auch heute noch "Projekt". Ganz nachdrücklich habe ich dazu noch ein Konzert vom 22.10.2004 in Erinnerung: Alexander von Schlippenbach und Die Enttäuschung spielen das Gesamtwerk von Thelonious Monk. Das war ein tolles Projekt und ein tolles Konzert.

Nun bin ich der Meinung, dass Kunst gesellschaftliche Entwicklungen immer ein wenig - manchmal auch ein wenig mehr - vorwegnimmt. So könnte es sein, dass die Denker von rethinking Business auf der richtigen Spur sind: Anstatt in gesicherten Arbeitsverhältnissen arbeiten immer mehr Menschen auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko. In Frankreich hat das vor zwei Jahren zum Aufstand der Praktikanten geführt: Der Aufstand einer gesellschaftlichen Gruppe ohne Perspektive, die projektwirtschaftlich von einem zum nächsten unterbezahlten Projekt durchgereicht wurde. Hier zeigten sich die Grenzen und die Gefahren der Ausdehnungsfähigkeit des projektwirtschaftlichen Sektors.

Für die Kunstproduktion läßt sich historish belegen, dass der Künstler sich früh als Ich AG in der Gesellschaft zurechtfinden mußte. Viele bildende Künstler sichern diese prekäre Situation noch immer dadurch ab, dass sie als Kunsterzieher eine Basisversorgung beziehen. Der Kunstmarkt ist ein hartes Geschäft und in diesem Teich überleben vor allem die Haifische.

Apropos Haifische. Damien Hirst, der bekanntetste Vertreter der „Young British Artists“, wurde mit einem in Formaldehyd eingelegte Tigerhai bekannt. Vor einigen Wochen las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass Damien Hirst einen Schädel mit Diamanten versehen hat. Gemeinsam mit anderen Investoren kaufte er das Kunstwerk für 75 Millionen selbst (siehe Süddeutsche.de). Das nennt man eine spekulatives Geschäft auf die eigene Zukunft. Aber dafür braucht man ein Grundkapital, das sich nicht aus den Bezügen eines Kunsterziehers aufbauen läßt. Da muss man Haifisch oder Heuschrecke sein.

Man muss also schon fragen, wer in der Projektwirtschaft wen über den Tisch ziehen kann. Ein modernes Wirtschaftsmagazin hat eine lesenswerte Kolumne mit dem Titel "Die kleinste wirtschaftliche Einheit: der Mensch". Der Mensch ist nicht nur die kleinste wirtschaftliche Einheit, sondern auch die schwächste. Und da ist die kritische Frage, die der Zukunftsforschung eine ernste Angelegenheit sein sollte, wieviel Projektwirtschaft verträgt eine Gesellschaft und welche Organisationsformen beschränken die Macht der wirtschaftlich Mächtigen? Sonst könnte es so sein, dass Andy Warhols "15 minutes of fame" zu lebenslänglicher Perspektivlosigkeit wird. Das wäre dann Künstlerpech.

Dies ist ein Update zu Thesen und Tatsachen und An die Wand geworfen!

Das Foto zeigt Jimmy Carter und Andy Warhol bei einem Empfang im weißen Haus am 14. Juni 1977. Es steht unter Creative Commons Licence.

Montag, 1. Oktober 2007

Witzige Kreaturen


In der sogenannten Blogosphäre trifft man manchmal Kreaturen, die den Fantasien eines Science Fiction Autors entsprungen sein könnten. Eines dieser Aliens nennt sich Don Alphonso - mit bürgerlichem Namen Rainer Mayer - und von Beruf will er Journalist sein. Aber eigentlich ist er so etwas wie der Pinochet der Bloggerscene. Auch für eine Praktikantenstelle bei der Militätdiktatur von Myanmar könnte er sich mit guten Chancen bewerben.

Was in den letzten Stunden geschah! Auf einen substanzlosen Beitrag des sogenannten Don Alphonso zum Thema Tag Clouds postete ich eine Kommentar mit dem Tenor, es gäbe Wichtigeres als Glaubenskriege um Tag Clouds zu entfachen. Im schlechtesten Falle seien sie überflüssig. Im besten Falle sind sie Lyrik. Der Kommentar enthielt einen Link auf meinen Beitrag zum Thema Tag Cloud Lyrics. Wenig später war mein Kommentar gelöscht und ich konnte stattdessen dort folgende Drohung lesen: "[Schön langsam wird mir die Eigenwerbung diversen Preisvergleicher, Küchentisch-PRler und Awarenessnörgelis zu viel. Wer damit unbedingt auffallen will, sollte sich überlegen, ob er später wirklich mal als Spammer auf einer schwarzen Liste auftauchen will. Ganz oben bei Google mit vielen Daten. Don]".

Drohungen von Möchtegernjournalisten schüchtern mich niemals ein. Mein Kommentar zu dem überschriebenen Kommentar lautete in etwa wie folgt. "Ups, dem schlechten Ruf der Ihnen vorauseilt, werden sie ja in sekundenschnelle gerecht. Gruß vom Küchentisch." Rund zehn Minuten später war auch dieser Kommentar gelöscht.

Da ich noch ein wenig Zeit hatte postete ich diese wenigen Worte: "Ups, da waren es wieder nur 24 Kommentare. Die Kleingeistigkeit mit der Don Kommentare löscht überrascht mich doch. Nochmals Gruß vom Küchentisch." Auch dieser Kommentar wurde innerhalb einer knappen Viertelstunde gelöscht.

Minuten später erschien auf Blogbar.de der folgender Beitrag von Don Alphonso:

"Kennen mittlerweile ziemlich viele Blogger: Da kommt ein Kommentar von einem, von dem man noch nie was gehört hat, der entweder ein paar halgbare Worte der Bestätigung hinterherschiebt, oder trollmässig abkotzt und seinen eigenen Link reinklatscht. Verknüpft wird das in der Eingabemaske mit Webseiten wie Tarifedurchchecken23.de, kuchentischpr2000.com, patronenstoff.net, astrologieconsultundhilfe.net und supadollemarketingberatung.co.uk. Manchmal sind es kommerzielle Blogs, oft auch einfach Kommerzseiten. Der Themenbezug ist minimal, oft haben die Knilche noch nicht mal begriffen, worum es eigentlich geht.

Das Problem dieser händisch eingetippten Scheisse ist im momentanen Ausmass - an der Blogbar z bis zu 5 Kommentare am Tag - vergleichsweise neu. es begann vor etwa drei Monaten und wird ganz offensichtlich von den Seiteninhabern selbst betrieben. Ich frage mich, ob es da irgendwelche Seminare, Ratschläge oder Mailings gibt, die das in den letzten Monaten empfehlen. Nach meiner Beobachtung sind davon vor allem “grössere” Blogs betroffen, bei denen man sich zum Kommentieren nicht extra anmelden muss. Nur zwei dieser Spammer sind bislang auch auf meinem Blogger.de-Blog aufgetaucht.

Bislang habe ich den Krempel manuell gelöscht, aber nach dem heutigen Radaubruder, der partout sein PR-Blog ins Gespräch bringen wollte, frage ich einfach mal in die Runde: Was tun? Rechtlich wird es wacklig, weil es tatsächlich nicht reiner Spam ist. Also, was dann? Könnte eine Art Prangerliste bei diesen Freunden helfen? Jojo hat es mal mit der Einstellung der Verlinkung probiert, aber genau das würde ich nicht machen wollen; schliesslich erschwert das die Orientierung beim kommentieren und diskutieren enorm."


Also der Mann ist entweder im Dauerrausch, ein Alien oder er ist ernsthaft krank. Wie anders als händisch, sollte man seine Kommentare sonst eintippen. Spracherkennung? Die Frage ist, kann man ihm helfen oder sollte man ihn zurück auf Alpha Centauri schießen? Ich tendiere zur letztgenannten Option.

Die Abbildung steht unter Creative Commons Licence.

Dienstag, 25. September 2007

Produktvergreisung


Wenn ich schon mal da bin, dachte ich mir, bleib ich noch ein Weilchen. "Ya que estas ahi!", wie meine halbargentinische Exfrau häufig zu sagen pflegte. Was auf Deutsch soviel heißt wie, "Wenn Du schon mal da bist, kannst Du auch abtrocknen!" Vor einigen Tagen ging es um Demut und Manufactum. Heute geht es um Manufactum, Apple und Demut.

Der folgender Text aus dem neusten Manufactum Katalog bleibt ohne einen bildhaften Hinweis durchaus rätselhaft: "Wer mit größeren Katastrophen - chipfressenden Kugelblitzen, einem auszufüllenden Formular oder kalifornischen Energieversorgungszu- ständen - rechnet, dem wird der Besitz dieses informa- tionsverarbeitenden Geräts eine herzerwärmende Beruhigung sein. (…) Werkzeuge wirken nicht nur auf das Werkstück ein, sondern auch auf den Handwerker und dessen Kunst."

Die Frage ist, worum handelt es sich. Ist es der "GÄNSEKIEL GESTUTZT", von bayrischen Gänsen stammend und in heißem Quarzsand "gehornt" für nur 4,90 Euro (Antwort A)? Oder ist es die "MECHANISCHE SCHREIBMASCHINE OLYMPIA SG 3N" für immerhin 550,- Euro (Antwort B)? Oder handelt es sich dabei um das "MANUFACTUM ATOMA NOTITZBUCH- UND METHODIKSYSTEM" mit einem Preis, der sich modular in die Höhe schraubt (Antwort C)?

Unter den richtigen Einsendungen verlose ich einen MANUFACTUM BROTTOPF EMAILLIERT mit leichten Gebrauchsspuren. Antworten erbitte ich über die Kommentarfunktion - möglichst mit identifizierbaren Absenderangaben - oder per Mail. Der Rechtsweg ist natürlich vollständig und gnadenlos ausgeschlossen.

Aber machen wir zum Thema Manufactum ruhig ein Fass auf, von dem ich nicht weiß, ob es sich in diesem Text rund und schlüssig wieder schließen lässt. Da es nicht die Büchse der Pandora ist, müssen wir uns darum auch nicht sorgen. "Produktvergreisung", so bezeichnete Wolfgang Fritz Haug 1971 in seiner "Kritik der Warenästhetik" jene Form der Zeitbeschleunigung, in der Produkte viel schneller Älter wurden als die Menschen, die sie benutzen. Inzwischen ist dies keine marginale Erscheinung mehr sondern eine alltägliche Erfahrung all jener, die vor der Frage stehen, wie weiter konsumieren? "Produktvergreisung" betrifft nicht mehr nur geringwertige Produkte mit einem modisch-trendigen Äußeren. Zunehmend vergreisen auch Produkte im Zeitraffer, für die man ein paar hundert Euro hinlegen muss.

In jenen fernen Zeiten, in denen ich Kind war, waren Schränke, Möbel und andere Gebrauchsgegenstände noch so haltbar konstruiert und verarbeitet, dass sie ein ganzes Menschenleben hielten. Die besten Stücke wurden auch gerne vererbt. Das Sofa im Wohnzimmer meiner Großmutter stammte noch von ihren Eltern und war der bevorzugte Platz von drei Generationen für den Mittagsschlaf. Mein Patenonkel schenkte mir zur Kommunion eine Armbanduhr. Schon Wochen vorher war ich aufgeregt, da ich ein Geschenk von erheblichem Wert erwartete, das mir die Pforte zum Erwachsenwerden aufstoßen würde. Für die Uhr musste mein Patenonkel richtig sparen. Auf dem Zifferblatt stand in dezenter Schrift "17 Saphire". Mit einer solchen Armbanduhr war man Jemand.

Ich trug sie ungefähr fünfzehn Jahre lang täglich an meinem linken Arm. Ihr unrühmliches Ende musste mein Patenonkel Gott sei Dank nicht miterleben. In einer Lebensphase, in der ich ziemlich viel dadaistischen Unsinn trieb, nagelte ich sie in einer kleinen privaten Performance in einer Zimmerecke, hoch oben unter der Decke, an die Wand. Dies war als klares Statement gegen den Terror der Zeitmessung gedacht und sollte mich unabhängig vom unaufhaltsamen Vorrücken des Sekundenzeigers machen, der Lebenszeit als ruckhaftes Voranschreiten darstellte, anstatt als fließendes Kontinuum. Dort oben an der Wand blieb die Uhr auch hängen, als ich auszog. Ich habe sie niemals wieder gesehen.

Seit etwa zehn Jahren trage ich wieder eine Armbanduhr. Es ist ein Fliegerchronometer mit Handaufzug und hat - wen wundert es - siebzehn Steine. Von einer kleinen Firma im Schwarzwald wird er in überschaubaren Stückzahlen hergestellt. Der Sekundenzeiger rückt in kaum sichtbaren kleinen Schritten voran. Vergesse ich die Uhr anzulegen, fehlt mir etwas.

Mein iPod hingegen ist ein High-Tech Produkt und kommt direkt aus China. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mir die Version mit 60 Gigabyte Festplatte gegönnt und rund 250 Euro dafür hingelegt. Die 6o Gigabyte-Variante gibt es nicht mehr. Die vergleichbaren Geräte mit 80 oder 160 Gigabyte Festplatte nennen sich heute beschönigend "Classic". Im Vergleich zum neuen iPod touch sehen sie richtig alt aus.

Apple ist die Computerfirma, deren Innovationszyklen demnächst im Nanosekundenbereich liegen werden. Kauft man ein Apple-Produkt, kann man sicher sein, sich gleich anschließend darüber zu ärgern, nicht noch ein paar Sekunden gewartet zu haben. Das vergällt einem auf Dauer jegliche Konsumeuphorie. Wie toll hingegen ist mein Fernsehgerät der Marke Philips aus dem Jahr 1993. In Bezug auf Zuverlässigkeit, Benutzerfreundlichkeit und Bildqualität schlägt er noch jeden Liquid Crystal Display Firlefanz inklusive Ambilight.

Ganz anders bei den Produkten mit dem angebissenen Apfel. Wofür steht dieses Symbol? Genau: Für den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Statt unsterblich zu sein, driftet der Mensch seitdem unaufhaltsam in Richtung Verfall und Tod. Wer vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, wird vielleicht schlau aber nicht glücklich. Apples angebissener Apfel ist ein klassisches Vanitas-Motiv. Vanitas bezeichnet die christlich-jüdische Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen. In der Kunst der Renaissance findet dieser Konflikt zwischen Demut und Selbstbewusstsein in zahlreichen Kunstwerken Ausdruck. Apples angebissener Apfel sagt uns klar und deutlich: "Nicht nur Du bist sterblich, sondern das Gerät, das vor Dir steht, wird schnell eitler Tand sein. Du wirst es sehen, kaum ist eine Sekunde vorüber, schon gibt es die nächste Generation noch tollerer Geräte und das, auf das du jetzt noch stolz bist, ist hinfällig und ein Entsorgungsfall."

Eines ist sicher: Mit dem Gänsekiel von Manufactum, in heißem Quarzsand "gehornt", wird das nicht passieren.

Die Abbildung am Beginn des Artikels zeigt eine Metallschere aus dem Lexikon der gesamten Technik (1904) von Otto Lueger und steht unter Creative Commons Licence.

Die zweite Abbildung zeigt den Sündenfall von Michelangelo und steht unter Creative Commons Licence.

Sonntag, 23. September 2007

Bombiertes Weißblech


Der gerade erschienene Warenkatalog Nr. 20 des Waltroper Versandhauses Manufactum glänzt erwartungsgemäß nicht nur durch Dinge, die dem Vergessen entrissen werden, sondern auch mit einer feinen Ironie, die man von einem solchen Katalog kaum erwarten kann. Manufactum liefert, nach eigenem Bekunden, eine "fast literarische Warenkunde von Küche, Möbel, Kleidung, Werkzeug bis Spielzeug". Manufacum, das ist die tiefere Wahrheit, lehrt uns vor allem die Demut vor den Dingen.

Bereits vor sieben Jahren unternahm Frank Müller unter dem Titel "Im Reich der Dinge" den Versuch das Phänomen Manufactum umfassend zu beschreiben. So hieß es bereits im Katalog Nr. 11 aus dem Jahr 1999: "Von jedem Thermometer, jedem Küchenherd, jeder Armbanduhr und jeder Personenwaage hat man heute schrille Töne zu vergegenwärtigen. Der Mensch-Maschine-Dialog wird alltagsmächtig, und es ist abzusehen, wie er endet: eine entfesselt fiepsende Gerätschaft auf der einen und eine nervlich zerrüttete Menschheit auf der anderen Seite. Wir halten dagegen: die letzten schweigsamen Geräte." "Wohl aus diesen Gründen", so schreibt Frank Müller, "belegt der Katalog auf der im Streiflicht der "Süddeutschen Zeitung" vom 20.1.1999 geführten Rangliste der wichtigsten Bücher einen ehrenhaften zweiten Platz, nur noch übertroffen von Ovids "Liebeskunst".

Es gibt sie auch in diesem Jahr noch, die guten Dinge. Sie sind aus bombiertem Weißblech oder anodisiertem Aluminium. Viel Bakelit ist dabei, aber auch Duroplast bekommt seine Chance. Man erfährt, dass kaum etwas dichter gewebt ist, als eine zweilagige Mullbindung. Skalen und Beschriftungen werden im "Untereloxaldruck appliziert" oder "tiefgeätzt". Der "Klingenhalter mit System" ist aus "Zamak, vernickelt und mattverchromt." Der Griff der Saphirfeile hingegen ist aus Galalith.

Aber kommen wir zum literarischen Teil - zu den manchmal ironischen Produktbeschreibungen, den kulturgeschichtlichen Exkursen und den warentheoretischen Glaubensbekenntnissen. Da ist der Wäschesprenger aus Bakelit (Seite 252) und dazu heißt es: "Dem, der den Umgang mit technisch komplexen Dampfbügeleisen meidet, hilft dieser althergebrachte Wäschesprenger." Die Hosenträger Herkules (Seite 285) "stehen im Ruf, den deutschen Mann zusammenzuhalten." Oder (Seite 208): "Eine Teekanne, die nicht tropft, müsste aller Erfahrung nach ein Ding sein, das seine Existenz höherer als Menschenmacht verdankt." Ich möchte hinzufügen, dass ich ähnliches über Gasthermen vermute. Über den ZENA Rahmschläger (Seite 191) heißt es: "nach unseren Strichlisten ist dies eines der meistbegehrten Opfer der allgemeinen Küchenelektrifizierung" - was immer das auch heißen,und für was das stehen mag!

Auf Seite 48 finden wir, als Präambel zu den Polstermöbeln, den Satz: "Der Polstermöbelbau ist zu einer Spielwiese für Möbeldesigner geworden, was wir gar nicht tadeln würden, wenn unter den mehr oder minder gelungenen Formen nicht regelmäßig das nackte Elend hauste." Apropos Spielwiese: Für die Kassette mit Rommé, Skat und Würfelspiel (Seite 347) findet man folgende Worte: "Spielkarten zeichnen sich dadurch aus, daß sie, wenn man sie braucht, nicht am vermuteten Platz und, ausnahmsweise doch dort angetroffen, nicht vollständig sind." Wie es gelingen könnte, dieses Ärgernis mit Hilfe der angebotenen Kassette aus der Welt zu schaffen, wird nicht erklärt.

Mein unangefochtener Liebling im neuen Katalog ist die Reliefkarte aus gebördeltem, bombiertem und geprägtem Weißblech auf Seite 39. "Die 70 cm breite Weltkarte aus Stahlblech zeigt die Welt mit ihren Höhen (die Tiefen läßt sie aus)". Das steht für sich genommen schon für eine sehr positive und optimistische Welt- und Weitsicht. Aus dem Marianengraben heraus, kann man nicht besonders weit sehen, was ihn in touristischer Hinsicht sehr unattraktiv macht.

Äußerst gelungen finde ich den abschließenden Satz: Die Reliefkarte aus Stahlblech ist eine "filigran zu nennende Projektion unserer Erde, die die Gewalt der großen Gebirgsformationen ertastbar macht und etwa den Bergisch-Gladbacher auf beeindruckende Weise der Illusion beraubt, er lebe ziemlich weit oben."

Das ist ein Seitenhieb, der sitzt. Da muss den Bergisch-Gladbachern doch schwindelig werden, ob dieser Zurückstutzung in die Höhenregionen einer kaum ertastbaren Erhebung. Im Vergleich zur Schweiz, Österreich und Nepal ist man höhenmäßig höchst mittelmäßig aufgestellt. Da fragt man sich schon was die Waltroper im Kreis Recklinghausen mit den Bergisch-Gladbachern im Rheinisch Bergischen Kreis für einen Strauß auszufechten haben. Waltrop liegt übrigens noch 200 Meter tiefer als Bergisch Gladbach, also bei Auslassung der Tiefen, knapp über der Darstellungsgrenze.

Dank Wikipedia weiß ich jetzt, dass als Bombieren eine wölbende Verformung bezeichnet wird. Allein schon das Maß an Unwissenheit, das wir uns bei der Lektüre des Versandhauskatalogs eingestehen müssen, nötigt uns zur Demut: vor den Machern und vor den Dingen. Frank Müller schrieb: "Denn der Mensch, er paßt gar nicht so recht in das Universum der Dinge. Und wenn er sich doch einmal einschleicht, dann werden ihm von Hoof und Mitarbeitern unnachsichtig die Leviten gelesen."

Inwieweit sich Manufactum verformt, nachdem das literarische Versandhaus seit kurzer Zeit eine hundertprozentige Tochter der Otto-Gruppe ist, bleibt abzuwarten.

Die Abbildung zeigt die Weltkarte von Fra Mauro aus dem Jahre 1459 und steht unter Creative Commons Licence.

Die Welt in drei Zahlen


Heute habe ich Radio gehört, Tagesschau geschaut und Tatort gesehen. Das hat immerhin für drei gewichtige Zahlen gereicht, die ich aus dem medialen Rauschen herausdestillieren konnte.

Die Documenta vermeldete nach den bekannten Hundert Tagen einen Besucherrekord. Trotz der Kritik der Kunstkritik an der Ausstellung - was streng genommen auch Aufgabe der Kunstkritik sein sollte - gibt es einen neuen Besucherrekord: 700.000 Besucher waren in diesem Jahr in Kassel.

Die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt baut ebenfalls heute Nacht den ganzen Tand und Tanderadei wieder ab. Auf der IAA waren in 10 Tagen eine Million Besucher. Eine Steigerung um rund 35.000 Besucher, im Vergleich zum Vorjahr.

Das Oktoberfest hat erst Gestern um Punkt zwölf Uhr die Parole ausgegeben: "Ozapft is". In 17 Tagen werden mehr als 6,5 Millionen Besucher erwartet. Am ersten Wochenende waren es bereits über eine Million.

Das ist eine schöne Bestätigung für den Satz von Bertolt Brecht: "Erst kommt das Fressen und dann die Moral." Erst kommt das Saufen, dann muss man schauen, wie man wo hinkommt und dann vielleicht - wenn es passt - ein wenig Kunst, Kultur und Moral. Das ist die Welt in drei Zahlen. Wer will, kann darüber nüchtern werden.

Das Foto stammt aus Wikimedia Commons und steht unter Creative Commons Licence.

Dienstag, 18. September 2007

Sehapparate - hört, hört!


Heute hatte ich vor, zu schweigen. Bei meiner Recherche zu "Verpönte Kulturtechniken - das Barren" habe ich einige antiquierte bewegte Bilder entdeckt, die einen schönen Gegenpol zum lärmenden Getöse in YouTube bilden. Die wollte ich zeigen - kommentarlos. Daraus wird aber nichts.

Bei diesem bewegten Bild handelt es sich um die Illusion von Bewegung. Schaut man etwas länger hin, dann wird einem schwindelig. Das finde ich für jede Art der medial vermittelten Wahrnehmung sehr angemessen. Die Illusion von Bewegung wird von einem Phenakistiskop hervorgerufen. Das ist ein Apparat, der mittels eines Stroboskopeffekts die Eigenschaft der menschlichen Netzhaut ausnutzt, so genannte Nachbilder zu erzeugen. Technisch etwas perfektioniert nannte man das einige Zeit später Film, Fernsehen und Video. Interessant ist, dass die ganze multimedial-virtuelle Welt noch immer auf dieser Illusion beruht, die eben jene Eigenschaft unseres Sehapparates ausnutzt Nachbilder zu erzeugen: Ohne Nachbilder kein Film!

Es scheint, dass dies auch ein nützliches Unterscheidungskriterium sein könnte, um einen gefilmten Sonnenuntergang von einem Sonnenuntergang zu unterscheiden, den man mit eigenen Augen sieht. Vieles spricht dafür, dass Sonnenuntergänge in der Wirklichkeit nicht mit 24 fps (= Frames per Second) ablaufen, sondern weniger ruckelig sind. Das käme auch den Benutzern von Facettenaugen sehr entgegen - also beispielsweise Glühwürmchen - da die zeitliche Auflösung bei deren Sehapparaten deutlich höher ist, als bei Linsenaugen, wie sie bei uns Menschen sehr gebräuchlich sind. Mit wie vielen Frames per Second Sonnenuntergänge in der wirklichen Wirklichkeit ablaufen, hat meines Wissens noch niemand ausgerechnet. Ich vermute, dass dabei eine relativ große Zahl herauskäme oder man landet bei der Heisenbergschen Unschärferelation.

Die Eigenschaft unsere Netzhaut Nachbilder zu erzeugen, wird mitunter und manchmal auch als Trägheit unseres Auges - genauer der Rezeptoren auf unserer Netzhaut - beschrieben. Interessant finde ich daran, dass Trägheit und Illusion hier in einen direkten Zusammenhang geraten, den ich jetzt weder philosophisch, noch erkenntnistheoretisch, noch wahrnehmungspsychologisch und schon gar nicht anthropologisch deuten möchte. Medienkritisch könnte man sich allerdings hinter der Behauptung versammeln, dass die gesamte Film- und Fernsehindustrie mit dieser physiologisch bedingten Trägheit so gute Geschäfte macht, dass einem schwindelig werden könnte.

Zum Abschluss möchte ich Vilém Flusser zu Wort kommen lassen. Das Zitat handelt nicht von Sehapparaten und auch nicht von Sprechapparaten. Es geht um Hörapparate. Der Sinn ist aber übertragbar:

Meine Damen und Herren,[...] Glauben Sie bitte nicht, dass ich etwa besser als Sie sähe, nur weil ich schlechter höre. [...] Die griechischen Theorien waren kurzsichtig, weil die Griechen schwerhörig waren. Die Stimme, die in den jüdischen Schriften zu Wort kommt, reichte nicht weit, weil die Juden kurzsichtig waren. [...] Was ich ihnen mitteilen wollte, war also dieses: seitdem ich einen Hörapparat besitze, sehe ich die Welt anders. [...] Wenn Sie auf die Welt hinhören, dann werden Sie merken, dass ihre Geräusche instrumentiert sind. Nicht ein weißes Summen kommt in die Ohren, sondern ein orchestriertes Schwingen. Ein programmierter Lärm. Es muss daher angenommen werden, dass zwischen Ihnen und der Welt irgend ein Tonsieb eingeschaltet wurde, ein Hörapparat eben. [...] Ich habe Sie schon gebeten gehabt, nicht viel von meinen Einsichten ins Hören zu erwarten. [...] Ich bin so kurzsichtig wie Sie, weil meine Taubheit nicht tief genug ist. Auch ich, wenn ich glaube aufzuhorchen, gehorche. Das ist eben so bestellt mit der menschlichen Freiheit. Und doch meine ich, Ihnen einen kleinen Beitrag [...] geboten zu haben. Eben jenen Beitrag, den Schwerhörige dem allgemeinen Gespräch bieten können: nämlich die Aufforderung, sich die Hörapparate anzusehen.

Vilém Flusser, „Hörapparate


Übrigens: Bauteile, mit denen man sich ein Phenakistiskop bauen kann, gibt es bei Fischertechnik. Man sollte jetzt schon an originelle Weihnachtsgeschenke denken! Gerade für Väter, die Golf spielen, ist das ein sehr schönes Präsent für ihre heranwachsenden Söhne. Selbstgemachte Fotosequenzen auf der Driving Range können mit einem mechanischen Spielzeug so kombiniert werden, dass selbst Golf ganz interessant rüberkommt. Weihnachten ist in unseren Breiten ja auch im Winter. Und da haben Väter witterungsbedingt etwas mehr Zeit zum basteln. Es sei denn, sie gehen Skifahren.

Das Foto stammt aus Wikimedia Commons und steht unter Creative Commons Licence.

Samstag, 15. September 2007

Welcome to the Machine


Gerade komme ich von meiner kleinen Reise zurück und schon gibt es Probleme in meinem heimischen Maschinenpark. Meine Gastherme - gemeinhin als Durchlauferhitzer bezeichnet (siehe Bild unten) - thermt nicht mehr. Will sagen, sie bleibt kalt. Maschinen sind, nach einer unausgesprochenen Übereinkunft zwischen uns Menschen, dazu da, eine angenehme und problemlose Versorgung mit angenehmen und problemlosen Dingen sicherzustellen. Manchmal schaffen Maschinen aber Probleme, von denen man nicht dachte, dass man sie haben würde, wenn man gerade aus dem Urlaub zurückkommt. Mein größtes Problem ist: Morgen muss ich kalt duschen.

Durchlauferhitzer sind die kompliziertesten Maschinen, die man sich vorstellen kann. Bei Gasthermen spielen Gas, Strom und Wasser in einer Weise zusammen, die sich den meisten Menschen niemals erschließen wird. Das nebenstehende Foto vermittelt davon nur einen unzureichenden Eindruck. Dass mir gerade jetzt Welcome to the Machine von Pink Floyd (hier der Text) einfällt, ist Zufall, führt aber weiter hinein, in die Welt der Maschinen. An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, zu erwähnen, dass meine kleine Reise unter dem Motto stand, "Der Weg ist das Ziel". Vor vielen Jahren habe ich schon einmal eine ähnliche Reise mit meinem damaligen Reisegefährten Reimer F. unternommen. Als wir nach einem dreiwöchigen Urlaub unsere Urlaubsfotos zeigten, fiel allen auf, dass alle Bilder in voller Fahrt aus dem Auto heraus aufgenommen worden waren. Wir hatten das damals noch bestehende Jugoslawien und Griechenland hin und zurück durchquert. In der Türkei lag der Scheitelpunkt unserer Reise irgendwo an einem nassen, grauen Strand am Schwarzen Meer. Nach einer grauenvollen und nassen Nacht im Auto ging es den ganzen langen Weg zurück.

Mit Hilfe meines Automobils habe ich auch dieses Mal gewaltige Strecken zurückgelegt. Im Unterschied zu damals, hatte ich auf dieser Fahrt ein Navigationssystem. Zerstreuung lieferte die eingebaute Vorrichtung, mit der ich meinen iPod anschließen konnte. Automobile, Navigationssysteme und iPods sind, nebenbei erwähnt, nicht annähernd so kompliziert wie Gasthermen. Wen weder Automobile, noch Navigationssysteme, iPods oder Gasthermen interessieren, sollte jetzt aus dem Text aussteigen und lieber das Essay von Pier Paolo Pasolini Über das Verschwinden der Glühwürmchen lesen.

Wer viel unterwegs ist, weiß nicht immer, wann er wo gewesen ist. Maschinen könnten da helfen: Welcome my son, welcome to the machine. Where have you been? It's alright we know where you've been. Meine iPod-Maschine weiß, dass ich am 29. Mai 2004 um 1 Uhr und 33 Minuten Night and Day von Billie Holiday zum letzten Mal gehört habe. Ich kann mich leider nicht erinnen, wo das gewesen sein soll. Meine iPod-Maschine weiß auch, dass ich am 13. September um 15 Uhr und 23 Minuten Slowpoke von Crosby, Stills, Nash and Young gehört habe. Danach, das weiß ich, drang ich mit meinem Automobil in den Sendebereich des Bayerischen Rundfunks ein. Ich schaltete den iPod ab und das Radio ein. Dort lief wenig später ein interessantes Wissenschaftsfeature über "Orientierung und die Welt der Daten". Dabei ging es um Geoinformationssysteme.

Geoinformationssystem sind momentan überhaupt das ganz große Ding. Das Navigationssystem in meinem Auto ist so ein Ding. Lasse ich es zu, vollständig informiert zu sein, dann sehe ich vor lauter Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Rast- und Tankstellen, Nationalparks und Einkaufszentren die Landkarte nicht mehr. Dieses ganz große Ding ist allerdings nur ein Teil eines noch größeren Dings. Dieses größere Ding umfasst ein Infodings, mit dem man Verkehrsdurchsagen, wann immer man will, nochmals hören kann. Es umfasst ein weiteres Dings, das die Verkehrsdurchsagen einblendet, wenn man gerade iPod hört. Ein weiteres Dings leitet die auf dem Mobiltelefon eingehenden Anrufe auf die zum Dings gehörende Freisprecheinrichtung.

Man glaubt es nicht, wie häufig die Hinweise des Navigationsdings, Verkehrsdurchsagen und eingehende Anrufe in einer ganz unwahrscheinlichen Synchronizität eingehen. Kaum nimmt man einen Anruf entgegen, plärrt das Navigationsdings "Achtung, Gefahrensituation in 30 Kilometern!". Das Verkehrsdurchsagedings quäkt dazwischen "Auf der A1 zwischen Nonnweiler-Primstal und Tholey-Hasborn in Fahrtrichtung Saarbrücken blockiert eine Doppelhaushälfte beide Fahrbahnen." Während man sich noch wundert, was Leute alles auf Autobahnen verlieren, soll man gleichzeitig telefonieren. Das ist der ultimative multimediale Overkill. Ich bin schon über rote Ampeln gefahren, weil mich die auf allen Kanälen eingehenden Informationen so abgelenkt haben, dass ich vollkommen vergessen hatte, dass ich gerade Auto fuhr.

Das ultimative Ding in der nächsten Zukunft wird allerdings sein, dass die Informationen auf meinem iPod mit Geoinformationssystemen verknüpft werden. Dann weiß ich nicht nur wann ich einen bestimmten Song gehört habe, sondern auch wo. Die googelige Firma, mit Sitz in Mountain View, sollte es doch hinkriegen mit ihrem Nachbarn aus Cupertino, dafür die Grundlagen zu schaffen.

Ich erinnere mich noch, dass ich in einem bestimmten Lebensalter immer "Wish you were here" von Pink Floyd gehört habe. Das hat meine damalige Liebste ziemlich genervt. Dieser Song war noch in Vinyl gepresst und lief auf meinem Dual-Plattenspieler über einen Kenwood-Verstärker. Die genauen Abspieldaten lassen sich deshalb leider nicht mehr ermitteln. Im Gegenzug nervte mich meine Ex-Frau monatelang mit dem Bruce Hornsby Titel The Way It Is. Das muss zwischen 1985 und 1987 gewesen sein. Leider läßt sich auch das weder zeitlich noch räumlich genauer verorten. Aber damit ist hoffentlich bald Schluss.

Wo ich morgen duschen kann, weiß ich immer noch nicht. Vielleicht kennt mein Navigationssystem ein Fitnessstudio in meiner Nähe, das gerade Schnupperduschen zum Schnäppchenpreis anbietet.

Das Foto stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.