Donnerstag, 8. November 2007

Vergeßt Brasilien


Dieser kleine Text handelt von verpassten Gelegenheiten. Brasilien zum Beispiel hat die Gelegenheit verpasst, sich bei mir einzuschmeicheln - das ist unwiderruflich und und wird sich auch bis zur Fußball WM 2014 nicht mehr ändern. Wie das kam, das ist die eine Sache. Auf dem Flughafen von Sao Paulo habe ich eine Gelegenheit verpasst - das ist eine ganz andere Sache. Die ist aber weniger schlimm.

Am 6. November 2007 um 8:30 Ortszeit habe ich auf dem Flughafen Guarulhos in Sao Paulo Doris Dörrie gesehen. Ich habe kein Foto von ihr und ihren Begleitern gemacht, weil mir das zu aufdringlich gewesen wäre. Sie stand jedenfalls wenige Minuten vorher genau da, wo jetzt auf diesem Foto keiner mehr steht. Mit drei Begleitern ist sie kurz zuvor durch das Gate 4B Richtung Montevideo verschwunden. Da ich kein Foto gemacht habe, kann ich das nicht beweisen. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es Doris Dörrie war.

Ich habe auch schon einmal ganz zufällig Udo Lindenberg getroffen. Auch davon habe ich kein Foto. Getroffen habe ich ihn im engeren Wortsinn ja nicht, sondern nur gesehen, zufällig eben, im Requisitenverkauf der "Komischen Oper" Berlin, ganz in der Nähe des Hotels Adlon. Am Anfang hab ich ihn eigentlich nur gehört. Da trällerte einer so vor sich hin, und ich dachte, das hört sich ja an wie Udo Lindenberg. Kurz darauf sah ich die Gestalt, die da trällerte, und weil die aussah, wie Udo Lindenberg, war ich mir dann sicher, dass das Udo Lindenberg sein mußte. Udo Lindenberg kannte sich im Requistenverkauf gut aus und die Requistenverkäufer schienen in gut zu kennen. Einem Requistenverkäufer erzählte er, dass er mit Hape Kerkeling irgendetwas im Hotel Adlon zu tun gehabt hatte. Vielleicht hatten sie auch nur was zusammen getrunken. Ich weiß ja nicht, ob sich Hape Kerkeling das Hotel Adlon überhaupt leisten konnte. Das war ja noch vor seinem Buch über den Weg zu sich und über den Jakobsweg. Mir fiel auf, dass Udo Lindenbergs Haare, so wie sie unter dem Hut herabfielen, sehr dünn aussahen. Da ich kein Foto habe, kann ich das leider nicht beweisen. Es sah auf jeden Fall so aus, als seien unter dem Hut nur noch ganz wenige Haare.

Gabi Bauer, die früher einmal die Tagesthemen moderierte, wohnte einmal in der gleichen Pension wie ich. Das war zu einer Zeit, als sie noch die Tagesthemen moderierte. Sie und ich, wir waren in Mallorca in einer Segelschule und sahen uns immer abends in der Kneipe. Sie wird sich daran kaum erinnern, da sie mit ihrer Bezugsgruppe, zu der auch ihr Lebensgefährte gehörte, kräftig einen drauf machte. Leider habe ich auch davon kein Foto. Kurze Zeit später hieß es, sie sei schwanger. Dies wurde nicht dementiert. Sie schmiß ihren Job bei den Tagesthemen und bekam Zwillinge. Jetzt moderiert sie wieder das ARD-Nachtmagazin. Da spart sie sich wahrscheinlich die Tagesmutter.

Auf dem Frankfurter Flughafen habe ich einmal den ehemaligen Umweltminister der Bundesrepublik Deutschland Jürgen Trittin gesehen. Der sieht im Anzug wirklich saugut aus. Leider habe ich auch davon kein Foto. Mit Doris Dörrie weiß ich mich in einer Sache sehr einig: Die Verhältnsse in Brasilien sind sehr seltsam und ziemlich durcheinander. Am Gate 4A bis 4D auf dem Flughafen Guarulhos von Sao Paulo wurden am Morgen des 6. Novembers 2007 vier Flüge abgefertigt, die alle zwischen 8:45 und 9:30 starten sollten. Die Passagiere wurde nur an Gate 4A abgefertigt. Die Gates 4B bis 4D waren unbesetzt. Abgefertigt wurden nur die Flüge, die laut regulärem Flugplan schon längst weg sein sollten. Mein Flug nach Buenos Aires startete mit zwei Stunden Verspätung.

Auf dieser Geschäftsreise von Buenos Aires nach Joao Pessoa und zurück flog ich viermal mit der brasilianischen Fluggesellschaft TAM. Alle vier Flüge starteten verspätet und natürlich kamen sie auch verspätet an. Das liegt nicht an TAM, das liegt an Brasilien. Auf dem Flughafen Guarulhos gibt es beispielsweise keine mit Gepäck befahrbare Rolltreppe zwischen den internationalen Arrivals und den nationalen Departures. Alle, die aus dem Rest der Welt in Sao Paulo ankommen und von Sao Paulo einen anderen brasilianischen Flughafen erreichen möchten, klemmen sich mit ihrem Gepäck in zwei Aufzüge, die von den Arrivals zu den Departures führen.

Auf dem neuen internationalen Flughafen von Joao Pessoa kann man eine andere Form der Desorganisation erleben: Ist man durch den Sicherheitcheck, dann funktionieren die Monitore mit den Fluginformationen nicht mehr. Um sehen zu können, ob ein Flug aufgerufen wird oder Verspätung hat müsste man aus dem Sicherheitsbereich hinaus. Das geht aber nicht. Es gibt Lautsprecheransagen, aber die versteht man nicht. So ist Brasilien.

Das Auschecken in einem Hotel in Joao Pessoa kann locker eine Stunde dauern. Oder man will einen zweiten Zimmerschlüssel. Einen Tag später verlangt man ihn nochmals. Hat man Glück, dann klappt es, wenn man ein drittes Mal nachhakt. Keiner entschuldigt sich für solche Unaufmerksamkeiten, niemand tut etwas dagegen und keiner fühlt sich für irgendetwas verantwortlich.

Das alles könnte man verzeihen. Die Tropen sind oft traurig und manchmal tief in sich versunken. Dinge funktionieren anders und manchmal langsam. Auf dieser kurzen Reise habe ich jedoch dreimal den auf portugiesisch ausgesprochenen Satz gehört: "Wir sind Brasilianer und wir sprechen portugiesisch!" Das war die Antwort auf die Frage: "Sprechen Sie Englisch?" Das letzte Mal hörte ich diesen Satz, nachdem ich eine Stunde in der Schlange zum Sicherheitscheck am Flughafen Guarulhos stand. Die brasilianische Sicherheitskraft machte sich nicht die Mühe mir verständlich zu machen, welcher wichtige Stempel auf meiner Boardingcard fehlte. Auch wenn man nicht Englisch spricht, kann man versuchen verständlich zu machen, was fehlt und was zu tun ist. Aber Brasilianer sind so stolz Brasilianer zu sein, dass dies gut als Ausrede für ihre Faulheit ein paar Brocken englisch zu lernen dienen kann. Als Opfer dieser dummen Arroganz kann ich nur sagen: Verottet doch mit eurem Portugiesisch in euren traurigen Tropen. Vergeßt Brasilien! 2010 und 2014 spielen wir euch an die Wand.

PS: Im Frühjahr 2006, an dem Tag als die Stones an der Copacabana ihre World Tour eröffneten, dachte ich, ich hätte im Hotel Gustavo Kürten gesehen. Er war es nicht. Das weiß ich auch ohne Foto.

Die Fotos stammten vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mal so nebenbei gesprochen: warum sollte jemand eine Fremdsprache lernen, wenn er nicht vor hat, mit fremden Menschen zu kommunizieren? Das kann man zwar ignorant finden, verwerflich ist es jedenfalls nicht. Und meiner Meinung nach hat das auch nichts mit Faulheit oder gar Dummheit zu tun.

In ein Land in Urlaub zu fahren und zu erwarten, dass die Einheimischen eine Fremdsprache sprechen und verstehen finde ich dagegen - vorsichtig ausgedrückt - nicht nachvollziehbar.

Zugegebenermaßen ist Unkenntnis der Sprache keine Entschuldigung für mangelnde Kommunikation. Einem Touristen am Flughafen deutlich zu machen, welcher Stempel fehlt, sollte auch ohne Englisch-, Deutsch- oder anderer Fremdsprachenkenntnisse schon drin sein.

Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch, dass mangelne Bereitschaft jemandem etwas verständlich zu machen, durchaus keine brasilianische Eigenheit ist. Auch in Deutschland habe ich das mehrfach beobachet. Jeder kennt wohl die Situation, wenn Ausländer plötzlich geduzt oder lauter als normal angesprochen werden, nur weil sie offenbar der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Aber vielleicht hilft es in Brasilien - im Gegensatz zu Deutschland - die Worte "nix verstehen" auf portugiesisch zu kennen?

Meine Empfehlung lautet also: Gib Brasilien eine Chance. Es wäre schade, ein ganzes Land zu verdammen, nur weil es dort ein paar faule/dumme/ignorante Menschen gibt. Würde man das immer so machen, dürfte man keinen Schritt mehr vor die Wohnungstüre machen. Und selbst dann wäre noch lange nicht garantiert, dass ebensolche Menschen nicht in den eigenen vier Wänden hausen ;-)

ulli hat gesagt…

Ich habe auch schon mal den Udo Lindenberg getroffen. Das war allerdings nicht im Adlon, sondern - viel bescheidener - im Maritim proarte in Berlin. Wir saßen da bei einer Weihnachtsfeier, 2003 oder 2004 war das, neben mir eine überaus muntere 82-jährige mit leichtem Parkinson, mit der ich den ganzen Abend über Gott und die Welt plauderte. War überaus amüsant. Und ich hätte sie angebaggert, wäre sie 30 oder 40 Jahre jünger gewesen. Es gibt sie tatsächlich (manchmal) - die weisen Alten. Was ja hoffnungsvoll für die eigene Zukunft stimmen kann. Jedenfalls - im Laufe dieses überaus angenehmen Abends störte nur einer, und das war Udo Lindenberg. Samt dicklichem Bodygard trabte er irgendwann in den festlich geschmücken Saal. Was er da wollte - keine Ahnung. Gesungen hat er nicht. Jedenfalls kam auch mir kam sein Haar arg dünn vor unter dem Hut. Und leider hab auch ich kein Bild gemacht von ihm und kann es deshalb nicht belegen. Dafür ergatterte "meine" 82-jährige ein Autogramm - für Ihre Enkelin.

Reinhard hat gesagt…

@anonym: In drei Punkten möchte ich deinen Kommentar ergänzen, beziehungsweise widersprechen.

1. Wäre ich nach Brasilien in Urlaub gefahren, hätte ich mir meine Auslassungenn gespart. Ich war geschäftlich unterwegs und hatte dort zu arbeiten. Da wundert es schon, dass selbst an Flughäfen, in Flugzeugen und in Business-Hotels kaum einer der Angestellten, sich mit ein paar Brocken Englisch zu helfen weiß (bzw. mir zu helfen weiß).

2. Es ist vollkommen richtig, dass es ins Belieben eines jeden Menschen gestellt ist, ob er mit Fremden kommunizieren will. Will er das nicht, dann sollte er Flughäfen weiträumig meiden und auf keinen Fall dort arbeiten.

3. "Vergeßt Brasilien" ist polemisch, überspitzt in der Darstellung und politisch höchst inkorrekt. Ich behaupte auch nicht in diesem Artikel eine allgemeingültige Wahrheit auszusprechen. Vielleicht habe ich ja gar nicht Doris Dörrie gesehen. Wer weiß?

Ich möchte es so zusammenfassen: Merk- und kritikwürdig finde ich es, wenn auf meine höfliche Frage, ob mein brasilianischer Gesprächspartner Englisch spricht, mehrfach mit dem Metatext geantwortet wird: "Hör mal Fremder, wenn Du schon in mein Land kommst, dann musst du portugiesisch mit mir sprechen." Diese Attitüde finde ich arrogant und dumm. Nur darum geht es.