Dienstag, 27. November 2007

Unvollständiger Bericht vom Untergang der MS Explorer


In der antarktischen See, so dachte ich, sei Telekommunikation nicht ganz so einfach. Man bräuchte schon Satellitentelefone oder sogar Funk mit dem entsprechenden Funkerpatent, um sich der Welt auch von diesem entfernten Ozean aus mitteilen zu können. Erst eine Schiffskatastrophe erinnerte mich daran, dass selbst einfache Mobiltelefone mittlerweile hochseetauglich sind, weil es Anbieter gibt, die dies ermöglichen. Plötzlich hieß es "Your Captain is speaking ..." und man solle den Gebrauch von Mobiltelefonen unterlassen, da die Leitungen für die Koordinierung der Rettungsmaßnahmen gebraucht würden. Am Liebsten hätte ich sofort telefoniert.

Was war geschehen? Ein Schiff war im Bransfield Strait, westlich der antaktischen Halbinsel, mit Eis kollidiert, leckgeschlagen und drohte zu sinken. Nicht mein Schiff, beziehungsweise, nicht das, auf dem ich mich befand. Und so war ich als Passagier auf den Planken des rettenden Schiffes eindeutig in der komfortableren Position. Retten, das ist Sache von Profis. Beim Sich-Retten-Lassen, da darf man auch als Amateur mittun. Als Zu-Rettender ist man zum Passiv-Sein verdammt und schon deshalb blutiger Anfänger. Als Passagier des Rettungsschiffes hält man sich jedoch am Besten aus dem ganzen Schlammassel raus - sowohl mit Taten, als auch mit guten Ratschlägen. Auf keinen Fall sollte man im Weg stehen. Alles was man tun kann ist fotografieren und kommentieren. Aber auch das geht nur von Passagier zu Passagier. Alle anderen sind ja beschäftigt. Ist die Rettung vollbracht, dann sind warme Pullover sehr willkommen.

Was aus den Salons eines Kreuzfahrtschiffes an Gedanken über das Wesen des Rettenden so entfleucht, das ist die eine Seite. Die andere Seite ist des ernste Geschehen, bei dem es um Schiffbruch und Menschenleben geht.

Am 23. November 2007 gegen 2 Uhr Morgens erreichte die MS Nordnorge, auf der ich mich zu dieser Stunde schlafend befand, ein nur unvollständig verständlicher Notruf. Die Endavour, ein kleineres Kreuzfahrtschiff, hatte den Notruf verstanden und die Botschaft nochmals an die Nordnorge im Klartext abgesetzt. Mitreisenden mit leichterem Schlaf berichten, dass sich unser Schiff gegen 2:30 in Bewegung setzte. Dreieinhalb Stunden später, gegen sechs Uhr morgens, weckte mich die Durchsage, dass die MS Nordnorge einen Notruf erhalten habe und demnächst Schiffbrüchige aus Rettungsbooten aufnehmen würde. Die Passagiere würden gebeten, den mittleren Teil von Deck 5 und das komplette Deck 7 für den Rettungseinsatz freizuhalten.

Das Schiff, das gerade dabei war unterzugehen, war die MS Explorer. Das erste Kreuzfahrtschiff, dass die antarktische Region jemals befahren hat. Die MS Explorer wird auch das erste Kreuzfahrtschiff sein, dass in dieser Region auf den Meeresgrund sinken wird. Zwölf Stunden später, gegen 19 Uhr am Abend des 23. Novembers, wird sie bereits in etwa zweitausend Metern Tiefe liegen und keine Spur von ihr, wird mehr zu sehen sein.

Die Passagiere und die Crew des sinkenden Schiffes sind, als wir eintreffen, bereits seit vier Stunden in den Rettungsbooten. Andere der Geretteten sprechen später von sechs Stunden. Ganz gleich was nun stimmt: Viele von ihnen haben keine Schuhe an, tragen nur Socken und leichte Kleidung. So saßen sie in vier offenen Rettungsbooten bei gemessenen -5 Grad Außentemperatur. Was man in der folgenden Berichterstattung nicht hört: Nur bei einem der Rettungsboot funktioniert der Motor. Die anderen können nicht manövrieren und das Boot optimal zu den Wellen stellen. Das bedeutet, dass Wasser in die Boote spritzt und die Bootsbewegung sehr unangenehm und insabil wird. Aber es gibt die Zodiacs - sechs wendige Schlauchboote, die verhindern, dass die Rettungsboote auseinanderdriften. Später höre ich von einem der Besatzungsmitglieder: "Die Zodiacs haben uns gerettet."

Als wir mit der MS Nordnorge an der Unglücksstelle sind, geht alles sehr schnell und sehr professionell. Ein Rettungsboot der MS Nordnorge wird als Aufzug benutzt. Die Schiffbrüchigen steigen aus ihren offenen Bootenum, und werden hochgezogen auf Deck 5. Andere benutzen die Lotsentür. Nach etwa einer Stunde sind alle an Bord und die Zodiacs der MS Explorer werden von der MS Endavour per Kran geborgen.

Wir auf der MS Nordnorge haben jetzt 150 Gäste. Als ich nach einigen Stunden Deck 7 besuche, auf dem die Schiffbrüchigen der Explorer ihr Sachen deponiert hatten, werde ich Zeuge einer kleinen Begebenheit. Während sich vor mir noch einige der Schiffbrüchigen darüber unterhalten, wie sie den Moment der Katastrophe erlebt haben, setzt sich einer der Geretteten ans Klavier und beginnt einige kleine Jazz-Improvisationen zu spielen.

Manch einem der Passagiere der MS Nordnorge fällt es noch schwer sich zu vergegenwärtigen, dass diese Gäste Schiffbrüchige sind. Die Rettungsaktion fand bei gutem Wetter statt: Wenig Wind, keine hohen Wellen und nur leicht bedeckter Himmel. Fast wie eine kleine vergnügliche Exkursion zur Unterhaltung von uns Antarktis-Abenteurern. Während auf Deck 7 noch so mancher erschöpft, manch anderer euphorisch Katastrophe und Rettung verarbeiteten, wird auf Deck 4 von einigen der Nordnorge-Passagiere schon spekuliert, ob man heute noch eine Pinguinkolonie und eine Walfängerstation besuchen wird. Ganz selbstverständlich wird von einigen angenommen, dass die 150 Schiffbrüchigen den Ablauf der Reise nicht merklich stören werden. Hätte ein Frachter sie aufgenommen, würde der den Kurs ja auch nicht ändern.

Realistisch ist diese Einstellung nicht. Nachdem die MS Nordnorge die Schiffbrüchigen aufgenommen hat, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Reederei der Nordnorge kann die Schiffbrüchigen auf der chilenischen Basis Mersh Frei absetzen, damit sie von dort ausgeflogen werden können. Oder aber die MS Nordnorge fährt sofort nach Ushuaia und bringt die Schiffbrüchigen dort an Land. Diese zweite Möglichkeit bedeutet den Abruch der Reise.

Wir hören auf der MS Nordnorge, dass sich die Reederei jetzt massiv in die Verhandlungen einschaltet. Kurze Zeit später ist klar, dass wir unsere Reise fortsetzen werden und die Schiffbrüchigen ausgeflogen werden. Spätestens hier kommen massive finanzielle Interessen ins Spiel. Fährt die MS Nordnorge vorzeitig zurück nach Ushuaia, dann gilt die Reise als abgebrochen und wir als Passagiere hätten wohl gute Karten, dafür eine finanzielle Entschädigung zu fordern.

Aber über diese Verhandlungen im Hintergrund erfahren wir genausowenig wie über die tatsächlichen Ereignisse, die dazu führten, dass die MS Explorer leckschlägt und neunzehn Stunden später sinkt. Es habe ein kleines Leck gegeben, das durch Eis hervorgerufen worden sei. Es sei Wasser eingedrungen. Der Wassereinbruch habe einen Kurzschluß verursacht. Dadurch sei die Explorer manövrierunfähig geworden. Eis habe dann ein zweites Leck geschlagen.

Natürlich wird es eine Untersuchung der Umstände geben, die zum Untergang der MS Explorer geführt haben. Deshalb ist klar, dass man zum Ablauf der Havarie bis dahin nichts Verbindlicheres hören wird. Alle Verantwortlichen wissen schließlich, wann es besser ist, den Mund zu halten. Die Schiffbrüchigen selbst wissen nicht, welche Informationen bei der Untersuchung wichtig sein werden. Deshalb muss auch mein Bericht vom Untergang der MS Explorer unvollständig bleiben.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Weitere Photos findet man unter Wikimedia Commons.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Lieber Reinhard, ich glaub es einfach nicht, aber Du scheinst wirklich zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein! Lass es Dir gut gehen und komm uns heil zurück!

pingu58 hat gesagt…

hallo Reinhard

Ich war auf der Explorer als sie sank. Hast du noch mehr bilder, ich war auf rettungsboot 3.

Danke Marlie

Reinhard hat gesagt…

@pingu58: Ja, es gibt noch fünfzehn weitere Bilder, die ich auch nicht auf WikiCommons gestellt habe.

Reinhard