Donnerstag, 19. Juli 2007

Wortbesetzung statt Hausbesetzung


Wie kommt man in die Medien? Dafür gibt es riskante Strategien - und weniger riskante. Man kann sich einen Bart wachsen lassen, und sich dann häufiger im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan herumtreiben. Bald ist man in den Medien. Garantiert. Als aktiver Geiselnehmer geht es natürlich schneller. Oder auch als erfolgreicher Brandstifter. Dagobert hat es als Erpresser zu einer nationalen Berühmtheit gebracht. Als einfacher Ladendieb hat man dagegen wenig Chancen. Vor einigen Jahren konnte man als Hausbesetzer noch eine gewisse lokale Berühmtheit erlangen. Heute empfiehlt sich Wortbesetzung.

Meine Agentur hat sich vor einigen Monaten dazu etwas einfallen lassen. Sie klebte an das, was sie macht, ein neues Etikett: Branded Publishing. Wir haben dabei auch ein wenig Wortdesign betrieben, weil wir Brand und Publishing zusmmengeschweißt haben. Design ist manchmal ein wenig banal. Trotzdem ist das ein sehr beliebter Trick bei uns Werbern, der allerdings nicht immer funktioniert. Hier hat es funktioniert. Google liefert bei der Suche nach Branded Publishing bei den ersten zehn Einträgen, sechsmal einen Bezug zu meiner Agentur. Das ist schon ein Erfolg.

Allerdings weiß ich nicht, wie oft nach diesem Begriff gesucht wird. Vielleicht muss ich da mal die Jungs aus unserer IT-Abteilung fragen. Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Wenn man eine hohe Trefferquote hat, bei Begriffen die keiner sucht, dann gilt die schöne Formulierung von Friedrich K. Waechter: “Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein!”

Das Web 2.0 schafft es, zwei sich ausschließende Existenzweisen zusammenzubringen. Die des Nomaden und die des Seßhaften. Im World-Wide-Web gibt einerseits die seßhaften Nomaden, andererseits die nomadisiernden Seßhaften. Zwischen beiden Typen gibt es keinen bemerkenswerten Unterschied. Ich beispielsweise bin ständig auf der Suche, ohne mich zu bewegen. Ich bin hier, ich bin dort, aber nie bin ich fort. Ich sitze vor meinem Rechner und durchstreife die Weiten des bekannten Universums. Zwischendurch hänge ich die Wäsche auf.

Bei diesen Streifzügen bemerkte ich, dass bei der Suche nach Informationen zum Thema Projektwirtschaft eine mir bekannte Website in den Trefferlisten auftauchte. Warum ich nach diesem Begriff suchte, weiß ich nicht mehr. Als nomadisierender Seßhafter, oder auch als seßhafter Nomade, weiß man nicht immer so genau, was man sucht. Jedenfalls hatte es mein Freund Klaus Burmeister mit seiner Firma z-punkt in die Top-Ten der Google-Treffer zum Suchbegriff Projektwirtschaft geschafft.

Mit dem Begriff Projektwirtschaft ist bei z-punkt ein Projekt verknüpft, dass ich inhaltlich interessant finde. Gemeinsam mit der Forschungsabteilung der Deutschen Bank geht es um die Zukunft des Standorts Deutschland. Das Projekt heißt so, wie ein Projekt heute heißen muss: rethinking business – und hat, wie es sich gehört, einen Blog. Die 15 Thesen dieses Projekts seien hier mit dem Kürzel fyi zur Kenntnis gegeben. Man mag sie lesen, oder auch nicht. Ich finde die Thesen interessant, und werde sie bei passender Gelegenheit aufgreifen.


These # 01
Es gibt keine globale Wirtschaft. Regionen sind die ökonomischen Machtzentren und Erfolge erzielt man nur auf lokalen Märkten.

These # 02
Der freie Austausch von Wissen und Kreativität sind die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands. Die Wirtschaft tut sich mit beidem schwer.

These # 03
Nur offene Gesellschaften sind kreativ. Die Demokratie ist ein vergessener Standortfaktor.

These # 04
Der ökonomische „Shift to Asia“ ist das Vorzeichen einer neuen Weltordnung. Europa braucht ein neues kulturelles Selbstverständnis und muss seine Rolle in der Welt neu definieren.

These # 05
Börsennotierte Unternehmen sind durch kurzfristige Kapitalinteressen blockiert. Der Mittelstand übernimmt eine Führungsposition bei der Sicherung langfristiger Zukunftschancen.

These # 06
Globale Unternehmen werden zu komplex und sind kaum mehr steuerbar. Sie müssen lernen, auf Selbstorganisation umzuschalten, Verantwortung zu delegieren, um dezentral handlungsfähig zu sein.

These # 07
Das hermetisch abgeschottete Unternehmen hat ausgedient. Wertschöpfungsnetze und Kooperationen werden zu Schlüsselfaktoren.

These # 08
Kern einer sich verändernden Wirtschaftsweise wird der projektwirtschaftliche Sektor sein, der von kreativen Wissensarbeitern und einem florierendem Unternehmertum getragen sein wird.

These # 09
Eine zukunftsfähige Gesellschaft benötigt Gestaltungsspielräume und einen erweiterten Innovationsbegriff, der in neuartigen Arenen die Interessen von Wissen, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft austariert.

These # 10
Der Gegensatz von Ökonomie und Ökologie ist ein Relikt. Nur nachhaltige Zukunftsmärkte sichern das Überleben von Unternehmen und Gesellschaft.

These # 11
Das Paradigma der Informationsgesellschaft verblasst. Ein neues ist im Entstehen: Wir sind auf dem Weg zur „Bionic Society“.

These # 12
Die Eingriffstiefe konvergenter Technologien ermöglicht eine zweite Evolution. Das Menschenbild der Gesellschaften im Osten wie im Westen gerät hierzu in Konflikt. Gegen Fundamentalismus hilft nur ein neuer Wertekanon.

These # 13
Kunden werden zu anspruchsvollen Partnern. Vertrauen, Kommunikation und Interaktion bilden das Fundament eines neuen Social Commerce. Märkte sind Gespräche.

These # 14
Die Polarisierung der Gesellschaft spaltet und treibt die Suche nach einem neuen sozialen Konsens voran. Die neue Mitte ist der Akteur des Wandels.

These # 15
Innovation heißt Selbstreflexion und kultureller Wandel. Wir brauchen ein Gemeinwesen, das Innovationskultur lebt – und auch das Scheitern kultiviert.

Das war jetzt harter Tobak. Mit den 15 Thesen liefert z-punkt einen ersten “Aufschlag für die Debatte über die Zukunftsperspektiven des Wirtschaftsstandorts Deutschland in der globalisierten Welt und ein 'Manifest in Progress'”.

Am Ende sei noch daran erinnert, dass “Wortbesetzung” keine Erfindung von uns “Werbefuzzies” ist. Wir haben von der Politik gelernt. Die Worte Demokratischer Sozialismus waren lange und eindeutig von der SPD besetzt. Von Ostberlin, der Hauptstadt der DDR sprach nur die SED. Von Westberlin war nur in der Bundesrepublik Deutschland die Rede. Die DDR wurde hier lange nur als Sowjetische Besatzungszone in den Medien benannt. Es ist ähnlich, wie mit Voldemort bei Harry Potter: Am Anfang steht oft der Mut, sich mit Worten anzulegen.

PS: Das mit dem “Kultivieren des Scheiters” in der 15. These kann ich gut gebrauchen, für meine längere Abhandlung zur Demutsforschung in Deutschland. Danke, lieber Klaus.

Kommentare:

christophe hat gesagt…

sollen märkte wirklich gespräche sein?

sebastian hat gesagt…

Die Thesen 3 und 10 sind treffend, widersprechen aber der Annahme von These 4: Einem vermeintlich nachhaltigen "Shift to asia", der ja vor allem ein "Shift to China and India" ist. Beide Länder haben mit ökologischen und sozialen Problemen zu kämpfen, die mit der rasanten Modernisierung einhergehen. In Indien erschwert das Kastenwesen den sozialen Aufstieg. In China führen die Folgen der Ein-Kind-Politik zu einer rasanten Überalterung der Gesellschaft. Fehlendes ökologisches Verständnis (China, Indien), die kompromisslose und starre Einteilung in Gesellschaftsstände (Indien) sowie ein autoritäres System (China) bremsen den Fortschritt also in naher Zukunft aus. Von einem dauerhaften "Shift to Asia" kann keine Rede sein.