Montag, 11. Februar 2008

Doppelte Leerzeichen - oder: Das Gelbe vom Ei (Fortsetzung)


In Chile gibt es ganz eigenartige Phänomene, die nicht einfach zu erklären sind. Auch nach vielen Wochen in diesem Land, das ja unheimlich lang und eintönig sein kann, bleibt vieles geheimnisvoll. In Santiago de Chile beispielsweise gibt es Straßenkreuzungen an denen man Dienstags und Freitags nicht rechts abbiegen darf. Ist man zufällig mal automobil in dieser Stadt unterwegs, sollte man immer wissen, welcher Wochentag gerade ist. Es ist sehr peinlich, dort den Verkehr zu blockieren, weil einem partout nicht einfallen will, dass gerade Mittwoch ist.

Chile hat mit seinem Nachbarland Peru vieles gemeinsam. Zum Beispiel die Wüste. Man spricht mehr oder weniger die gleiche Sprache, man hat eine gemeinsame Grenze und einen gemeinsamen Grenzkonflikt, der seine Wurzeln im Salpeterkrieg von 1879 hat und den man seither sehr pfleglich behandelt. Bereits erwähnt hatte ich, dass sich Peru und Chile außerdem darum streiten, wer den Pisco erfunden hat (siehe den Beitrag Das Gelbe vom Ei). Pisco Sour trinkt man in beiden Ländern. Darauf werden wir später noch zurückkommen.

Viel erstaunlicher ist: Auch in Chile kippen aus unerklärlichen Gründen Automobile um und liegen dann auf ihrer sehr verletzlichen schmalen Seite, was dem Ein- und Aussteigen nicht sehr förderlich ist. In Chile sind dies allerdings keine Polizeifahrzeuge, wie in Peru, sondern Taxis. Chilenische Taxis habe ich deshalb, wo es ging, gemieden. Fährt man in diesem sehr langen Land, die sehr langen Strecken nach Norden oder nach Süden, dann fällt auf, dass es kaum einen Quadratmeter auf den sehr langen Straßenbegrenzungen der sehr langen Landstraßen gibt, wo keine Reifenteile liegen. Man könnte glauben, dass ein sehr hoher dreistelliger Prozentsatz aller jemals weltweit geplatzten Reifen als Reifenplatzregen über chilenischen Überlandstraßenrandstreifen niedergegangen sein muss. Es ist ein Teppich von zerfetzten schwarzen Laufflächen und Reifenkarkassen in ganz unterschiedlichen Größen, der den Reisenden überall am Rande der Fernstraßen mit der Frage konfrontiert: Wie vergänglich ist eigentlich Gummi?

Die Frage nach Leben, Tod und Vergänglichkeit stellt sich längs der langen chilenischen Landstraßen auch in anderer Hinsicht. Auffällig sind die zahlreichen Kultstätten, die oft auch in Wüstengegenden, der eintönigen Fahrt ein gewissen Reiz verleihen. Manchmal ist es nur ein einfaches, schmuckloses Holzkreuz. Manchmal ist es ein gemauertes Minimausoleum, das einer ganzen Familie von Wüstenspringmäusen eine gemütliche Heimstatt bieten könnte. Es gibt aber auch komplette Andachtserlebnisoasen im Maßstab 1:1 mit Ruhebank, Grill, Kunstrasen und Sonnenschutz. Solche Anlagen sind oft tipptopp gepflegt und laden den einsamen Wüstenfahrer zu kleinen Rasten ein. Auf der Ruhebank sitzend, die Devotionalien vor Augen, fragt man sich "Warum gibt es hier eigentlich keinen Swimmingpool?" oder, "Gibt es einen Zusammenhang zwischen all diesen Kultstätten am Wegesrand und dem Teppich aus Reifenteilen auf den Seitenstreifen?"

Da erweist es sich als sehr vorteilhaft, wenn man mit Einheimischen sprechen kann. Tatsächlich, so meine chilenischen Gewährsmänner und -frauen, stehe jede dieser Kultstätten für einen oder sogar mehrere Verkehrstote. Es gäbe sogar Orte, da seien Autobusse verunglückt und man wisse gar nicht, für wieviele Verkehrstote da die Kultstätte stünde. Wäre mir zu Beginn meiner ausgedehnten Fahrten durch dieses lange Land klar gewesen, wie riskant die automobile Fortbewegung in Chile ist, so hätte ich viel weniger Angst vor Erdbeben und Vulkanausbrüchen gehabt. Hier saß ich also nun auf gerader Strecke, Mitten in der Atacamawüste, in relativ verkehrsberuhigter Lage, auf der Bank der Kultstätte für Mauricio Roque Perez Gomez, dem Miteigentümer des gutgehenden Abschleppunternehmens Gebrüder Perez, der hier am 21. Mai 2005 die Gewalt über seinen Abschleppwagen verlor, als er einem umgekippten Taxi ausweichen musste und dabei einer seiner Reifen platzte. Die Reifenteile kann man von der Kultstätte aus gut sehen. Das Taxi wurde inzwischen weggeräumt.

Die Chilenen haben übrigens 1884 den Salpeterkrieg gewonnen und in den seither vergangenen Jahren geben sie sich sehr großzügig, was die Frage angeht, wer den Pisco erfunden hat. Den Peruanern eilt in Chile der Ruf voraus, sie hätten die beste Küche, wenn nicht der ganzen Welt, so doch des ganzen südamerikanischen Kontinents. Auch die Peruaner finden das. Wer also in Chile ein gutes Restaurant sucht, wird zum Peruaner geschickt. Dort, das bekommt man mit auf den Weg, gibt es auch den besten Pisco Sour. Man müsse allerdings darauf achten, dass es der peruanische Pisco ist, der als Grundstoff verwendet wird. Die Chilenen vergeben sich offensichtlich nichts, wenn sie die Qualität des peruanischen Piscos anerkennen. Schließlich haben sie den Peruanern am Ende des 19. Jahrhunderts eine komplette Provinz abgenommen. Da kann man die unterlegenen Nachbarn schon mal für sich kochen lassen und deren Pisco loben.

Ein Rätsel, um die Herstellung eines guten Pisco Sour, konnte inzwischen gelöst werden. Für einen Pisco Sour, man erinnere sich, braucht man Eiklar. Was aber, so lautete die Frage, zu der man sich in Peru nicht äußern wollte, geschieht mit dem ganzen Eigelb? Die Chilenen geben sich keine große Mühe, den Skandal zu verbergen: Das Eigelb, es wird weggeworfen.

Rätselhaft bleibt jedoch eine Eigenart der Chilenen, die deshalb besonders eigenartig ist, weil die Chilenen kein Bewußtsein darüber entwickelt haben, dass diese Eigenart ihnen eigen ist. Chilenen verstecken in jedem gedruckten Text, mag er auch noch so klein sein und nur aus wenigen Wörten bestehen, ein doppeltes Leerzeichen. Ich hier übrigens auch, aber man wird es nicht finden.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Kommentare:

Samantha hat gesagt…

Das ist so interessant! Unglaublich wie viele verschiedene und interessante Kulturen unser Welt hat. Man kann immer etwas Neues lernen, danke!
Liebe Grüße! Samantha

Julia hat gesagt…

Kann ich mich nur anschließen, finde ich ganz genau so! Hab meine Bachelorarbeit auch über Kultur geschrieben, finde das muss definitiv gewahrt werden!