Wir mögen Helden. Wir lieben es, wenn David gegen Goliath antritt. Wir sind mit all unseren Sinnen dabei, wenn ein Kleiner einen Großen an den Rand der Niederlage bringt. Selbst das tragische Scheitern unserer Helden betört uns. Ausgenommen davon sind die Fans des FC Bayern München. Im Gegensatz zu den Fans von Borussia Mönchengladbach sind sie erfolgsverwöhnte kleine Schalträger, die nichts von den Tragödien der wirklichen Welt wissen. Demut kennen sie nicht – Gott sei Dank werden sie manchmal gedemütigt.
Am Montag, den 6. August 2007 ereignete sich einer jener Momente, in denen deutlich wird, dass Symbole über die Wahrnehmung der Wirklichkeit entscheiden. Schauplatz dieses Lehrstücks war das Stadion des SV Wacker Burghausen. Die Akteure: Der Spitzenclub der Ersten Deutschen Fußball Bundesliga, der FC Bayern München und der Regionalligist SV Wacker Burghausen.
Man muss sich nicht für Fußball interessieren, um dieser Geschichte etwas abzugewinnen. Um Fußball geht es nur am Rande. Der Fußball ist nur die Bühne, auf der hier Helden geboren oder vernichtet werden. Die sportlichen Rahmenbedingungen sind schnell erzählt.
Es ist die altbekannte Geschichte von David gegen Goliath. Das arme Wacker Burghausen spielte in der Vorrunde des Deutschen Fußball-Pokals gegen den reichen FC Bayern München. Die Bayern hatten in der Sommerpause viel investiert, um wieder in der europäischen Spitze mitspielen zu dürfen. Für 70 Millionen Euro haben sie neue Spieler gekauft. Darunter auch Luca Toni aus der italienischen Serie A – was an sich schon ein Tabubruch ist, wenn man den Ausgang des Halbfinales der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht vergessen hat. Aber das verstehen nur Fußball-Enthusiasten und es ist für diese Geschichte ohne Belang.
Von Belang ist: Nach 90 Minuten stand es in diesem ungleichen Duell 1:1. Nach der Verlängerung stand es immer noch 1:1. Wacker Burghausen hatte wahrhaft wacker dagegengehalten und in der regulären Spielzeit sogar die Führung erzielt. Herausragend spielte ihr 18jähriger Torhüter Manuel Riemann. Beim entscheidenden Elfmeterschießen stand es nach vier Elfmetern noch immer unentschieden. Manuel Riemann hatte bis zu diesem Zeitpunkt einen Elfmeter gehalten. Das allein hätte ihm schon Anerkennung gebracht, aber es hätte ihn nicht zum Helden dieses Spiels gemacht.
Link: sevenload.com
Das war die Situation vor den letzten beiden regulären Elfmetern: Der Fünfte für Burghausen stand noch aus. Und der Fünfte und entscheidende für Bayern München. Für alle überraschend legte sich der junge Burghausener Torwart Manuel Riemann den Ball zurecht – lief an und der Ball war im Netz (siehe das Amateurvideo von sevenload).
Dass am Ende Bayern München gewann, ist nicht weiter wichtig. Nur insofern spielt es eine Rolle, weil Helden in der griechischen Tragödie am Ende immer Scheitern. Wichtig ist, dass Manuel Riemann, mit seinem verwandelten Elfmeter zum – natürlich jugendlichen – Helden wurde. Wichtig daran ist, dass dieses Heldentum, die Demütigung des gegnerischen Torwart bedingt: 18jährige Endorphine gewannen gegen 38jährige Arroganz. Und wichtig ist, dass der FC Bayern München zwar gewann, aber nur knapp der Katastrophe entkam. Auch das ist eine Demütigung.
Ablauf und Ende dieses Spiels folgten dem Muster einer antiken Tragödie. Dieses Muster beruht auf einem “geschickt angelegtes Wechselspiel der Ereignisse zwischen der Sympathie mit dem Helden, dem Erschrecken vor dem näher rückenden, unabänderlichen Ende und der immer wieder angeregten Hoffnung auf einen günstigeren Ausgang”. “Das Scheitern des tragischen Helden ist dabei unausweichlich.” Die Ursache liegt “in der Konstellation und dem Charakter der Figur. Der Keim der Tragödie ist, dass der Mensch über das ihm zugeteilte Schicksal hinausgehen will.”
Ein aus der Antike überliefertes Muster beweist auch heute noch seine Medientauglichkeit. Die Stücke werden nicht mehr im Theater aufgeführt und begründen den Ruhm der Stückeschreiber. Die Stücke werden in Fußballstadien zelebriert und die Autoren sind die Akteure auf dem Spielfeld. Der Held dieses Spiels ist 18 Jahre alt, heißt Manuel Riemann, spielt bei Wacker Burghausen und hat das Stück mit seinen Mannschaftskameraden selbst geschrieben und inszeniert. Respekt.
Respekt verdient auch der Mut des Trainers des SV Wacker Burghausen seinen Torwart den entscheidenden Elfmeter schießen zu lassen. Die Symbolkraft dieser Situation, hat die Wahrnehmung in den Medien stark beeinflußt – Symbole prägen die Wahrnehmung.
An dieser Stelle sei erwähnt: Auch Demütigungen und die Situationen, die sie herbeiführen, wären ein Gegenstand der nicht existierenden Demutsforschung.
Dieser Artikel ist ein Update zu Zum Stand der Demutsforschung in Deutschland
Quellen: Die Zitate stammen aus Wikipedia
Das Wappen von Wacker Burghausen stammt aus Wikipedia. Lizenzbedingungen
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Mittwoch, 8. August 2007
Fußball und Demut
Eingestellt von
Reinhard
um
22:24
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Labels: Demutsforschung, Fußball, Medienkritik, Scheitern, Tragödie
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